wieder zu vergeſſen. AÄnderungen an eingelebten Verhältniſſen fallen in ſpäteren Lebensjahren immer nicht leicht; dieſe Schwierigkeit wächſt mit dem Alter, und in dem vorliegenden Falle wird eine Änderung noch beſonders dadurch erſchwert, weil mit einer Abweichung vom bisherigen Lehrplan zugleich erklärt wird, daß der Weg, den man ſelbſt gewandelt, nicht der beſte geweſen iſt. Dennoch iſt die Zeit mächtiger als ererbte An⸗ ſichten und Gewohnheiten, und ſchon zum öfteren haben wir von der zuſtändigen Behörde die Anfor⸗ derungen, welche in den verſchiedenen Unterrichts⸗ gegenſtänden ſowohl als Klaſſenziele als auch für den ganzen Schulkurſus geſtellt waren, ändern ſehen. Und man kann wohl gewiß behaupten, wenn unſere höͤheren Schulen ſich nicht aus den früheren Lateinſchulen, welche den Theologen als Vorbereitungsſchulen dienten, entwickelt hätten und wenn man früher noch andere Bildungs⸗ mittel für die Jugend gehabt hätte, wie das jetzt der Fall iſt, das Lateiniſche nie eine ſolche Aus⸗ dehnung gewonnen haben würde. Noch bis in das vierte Decennium unſeres Jahrhunderts waren deswegen die Forderungen in der Mathe⸗ matik und in dem Franzöſiſchen gering; die Naturgeſchichte fehlte an vielen höheren Lehr⸗ anſtalten ganz. Nachdem in neuerer Zeit die neuere Philologie, ſowie auch die Geographie, der allgemeineu Kulturſtufe entſprechend, einen ungeahnten Aufſchwung“) genommen haben und deich den alten Lehrgegenſtänden zu gediegenen Wiſſenſchaften geworden ſind, war es voraus⸗ zuſehen, daß dieſelben auch an Ausdehnung in den höheren Schulen gewinnen mußten, wie auch die neueren Lehrpläne zur Genüge darthun. Wenn man nun von einigen Seiten das Fran⸗ zöſiſche noch befürwortet, weil es Weltſprache iſt, ſo mag man dieſen Grund nicht vornehm von der Hand weiſen, ſondern bedenken, daß das La⸗ teiniſche bis zu dieſem Jahrhundert gleichfalls internationale Verkehrsſprache unter den Gelehr⸗ ten war und, wie ſchon die Methode zeigte, mehr aus dieſem Grunde denn als Bildungsmittel Unterrichtsgegenſtand war. An ſeine Stelle iſt wohl gegenwärtig das Franzöſiſche getreten; denn als in dieſem Sommer der internationale Geo⸗ logen⸗Kongreß in Berlin abgehalten wurde, welcher die erſten Gelehrten dieſer Wiſſenſchaft vereinigte, da war das Franzöſiſche das Mittel des Ge⸗ dankenausdrucks aller Anweſenden. Und wenn auch der Unterrichtsminiſter bei wesfunf der Verſammlung nicht franzöſiſch ſprach, ſo ſprach
*) Vor einigen Dezennien oppo die Umwandlung der außerordentlichen es erſt ſeit kurzer Zeit ordentliche Profeſſuren.
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er doch auch nicht lateiniſch. Ebenſo redete, als am 10. Auguſt v. J. der Telegraphen⸗Kongreß aller bedeutenden Staaten der Erde im Auftrage des Kaiſers eröffnet wurde, Staatsſekretär Dr. Stephan franzöſiſch und der Vertreter Groß⸗ Britanniens, Sekretär des General⸗Poſtamtes Patey, antwortete gleichfalls in franzöſiſcher Sprache. Im diplomatiſchen Verkehr iſt be⸗ kanntlich dieſelbe ſchon ſeit dem Anfang des 18. Jahrhunderts die amtliche Sprache.
Hat man bei gänzlich veränderten Lebens⸗ verhältniſſen andere Anſichten von der Vor⸗ bereitung zum Studium und für das Leben ge⸗ wonnen und ſind andere Lehrgegenſtände von erlangter größerer Wichtigkeit deshalb mit einer vermehrten Unterrichtszeit bedacht worden, ſo muß, wenn nicht eine Überbürdung eintreten ſoll, eine Minderung in den Zielen der bisherigen Lehrgegenſtände eintreten.
Dieſes finden wir beſtätigt in den ÄAnderun⸗ gen der neuen Gymnaſial⸗Lehrpläne. Dieſelben verlegen das Franzöſiſche, welches früher erſt in Tertia begonnen wurde, darauf nach Quarta vorrückte, nunmehr! nach Quinta und zwar mit doppelter Stundenzahl. Wir ſehen hierin eine notgedrungene Konzeſſion an die Zeit⸗ forderungen, wodurch allerdings nebenbei auch eine Übereiſtimmung mit den unteren Klaſſen der Realgymnaſien bewirkt wurde, weil dieſe in ihrem Lehrplane den veränderten Lebensverhält⸗ niſſen ſchon Rechnung getragen hatten. Würde die Unterrichtsverwaltung auf dem hier be⸗ folgten Weg fortſchreiten, ſo würde das Fran⸗ zöſiſche auch nach Sexta kommen, und da hier naturgemäß nicht mit zwei fremden Sprachen begonnen werden kann, ſo würde man vor die Frage geſtellt ſein, ob mit Lateiniſch oder mit
ranzöſiſch angefangen werden ſoll.
Ein ganz beſonderes Verdienſt um Darſtel⸗ lung und Verbreitung richtigerer Anſichten von den neueren Sprachen als Unterrichtsgegenſtand hat ſich der, leider zu früh verſtorbene Dr. Oſten⸗ dorf, Direktor des Realgymnaſiums zu Düſſel⸗ dorf, erworben. Seine Motivierung— ſowohl in wiſſenſchaftlicher als didaktiſcher Hinſicht— den fremdſprachlichen Unterricht mit einer neueren Sprache, der franzöſiſchen, zu beginnen, iſt ſo präzis und gründlich**), daß dieſelbe in kürzerer Form als Grnndlage bei einer der Verhandlungen hervorragender Pädagogen und Abgeordneter diente, welche auf die Zeit vom 8. bis zum 23. Oktober 1873 der damalige
nierten die Profeſſoren der alten Sprachen einer Univerſität mit Erfolg gegen Profeſſur für neuere Sprachen in eine ordentliche; auch für Geographie giebt
**) In hinreichender Ausführlichkeit im pädagog. Archiv, Band 16.


