Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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ruſſiſchen Nihilismus wenig verſchieden ſein werden. Wer eine ſolche Entartung der deutſchen Natur, daß ſie an der leerſten Negation und an der Zerſtörung alles deſſen, worauf die Ord⸗ nung der menſchlichen Geſellſchaſt ruht, Gefallen hätte, nicht befürchtet, muß doch die Zunahme einer Bildung, mit der im Leben nichts anzu⸗ fangen iſt, und der es nichts zu bieten hat, für ein verderbliches ÜUbel anſehen. Daß eine Über⸗ ladung mit Wiſſensſtoffen, die bei Vielen, z. B. denen, welche die Ziele der höheren Schulen nicht erreichen, innerlich unverarbeitet bleiben, an der Halbbildung mitſchuldig iſt, läßt ſich nicht in Abrede ſtellen, wenn auch andere Ur⸗ ſachen hinzukommen: das zuviel auf der einen Seite und das zuwenig auf der anderen ſtehen hier nicht in Widerſpruch. Noch größer ſind aber die Gefahren, welche in der unfruchtbaren Einſeitigkeit der Halbbildung liegen.

Ein großer Teil der männlichen Jugend, ohne wiſſenſchaftlichen Beruf und vielmehr für das praktiſche Leben angelegt, bleibt auf dem weiten Wege bis dahin, wo das Abiturienten⸗ oder das Berechtigungs⸗Zeugnis erlangt wird, nach ſeiner Begabung und der von ihm ge⸗ wählten oder ihm beſtimmten Lebensthätigkeit, zu lange beim Schul- und Buchlernen, und büßt nicht ſelten Saft und Kraft dabei ein.

Die verfehlte Wahl der Schule wird ſo Unzähligen verhängnisvoll, weil Urſache zu einem fuͤr Andere und für ſie ſelbſt unbefrie⸗ digenden Leben.

Allen dieſen Ausſprüchen liegt der Gedanke zu Grunde, daß der Unterrichtsgegenſtand das Lateiniſche welchem in unſeren höheren Schulen die meiſte Zeit und Arbeit gewidmet wird, für alle Schüler, welche aus den unteren und mittleren Klaſſen austreten, wenig nütze iſt, und da es im Geſchäftsleben gar nicht in Ubung bleibt, ſo iſt denn das mit vieler Mühe Ge⸗ lernte bald wieder vergeſſen. Leider hat es aber verhindert, daß ſich dieſe Schüler notwendige und nützliche Kenntniſſe aneignen konnten.

Was man nicht weiß, das eben braucht man,

Und was man weiß, kann man nicht brauchen.

. Göthe*).

Nun wird man anführen, daß das Lateiniſche als Mittel zur ſogenannten formalen Bildung dient; wogegen wir auf die in neuerer Zeit immer mehr verbreitete richtigere Anſicht hin⸗ weiſen, daß die Behauptung, nach welcher ein Unterrichtsgegenſtand die verſchiedenen geiſtigen Anlagen des Schülers gleichmäßig ausbilde, längſt als Phraſe erkannt worden iſt. Daher die vielfachen Klagen über mangelhafte Aus⸗

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bildung des Beobachtungsſinnes und über un⸗ genaue Darſtellung des Geſehenen u. dergl. bei denjenigen Studierenden, deren Bildungsmittel vorzugsweiſe die Sprachen waren. Wir erinnern an die mehrfachen Außerungen der Profeſſoren Fick, Esmarch, Lunge, Dubois⸗Reymond, K. Vogt.

Es wird nicht nötig ſein, noch weitere Be⸗ weiſe dafür zu erbringen, daß in der Erziehungs⸗ weiſe des größeren Teils unſerer die höheren Lehranſtalten beſuchenden Jugend eine nicht ge⸗ ringe Calamität vorhanden iſt, die auch von erfahrenen und für das Volkswohl beſorgten Männern erkannt und treffend geſchildert worden iſt, die aber vergebens bemüht geweſen ſind, die dringend notwendige Abhülfe zu ſchaffen.

Welches ſind nun die Vorſchläge, letztere zu bringen?

1. Man hat vorgeſchlagen, daß nur derjenige Schüler die Berechtigung zum Einjährig⸗Frei⸗ willigen⸗Militärdienſt erhalten ſoll, welcher das Maturitätsexamen beſtanden hat. Die Folge dieſer Maßregel würde nnr ſein, daß eine nicht geringe Anzahl Schüler um die reſp. Auszeich⸗ nung zu erlangen und die Dienſtzeit zu be⸗ ſchraͤnken, die höhere Lehranſtalt noch weiter frequentieren, dann aber nicht zum Geſchäft, ſon⸗ dern zum Studium übergehen würde, und ſomit würde durch dieſe Maßregel die ſchon ſo große Anzahl der Studierenden noch vermehrt, dem praktiſchen Beruf aber würden tüchtige Kräfte entzogen werden. Die zweite, gleichfalls recht nachteilige Folge würde ſein, daß ein anderer Teil junger Leute, welche gegenwärtig nur ein Jahr zu dienen braucht, ſpäter zwei bis drei, auch vier Jahre ihrem Geſchäfte entzogen würde. Welche Härte würde aber die Maßregel haben, wenn ein junger Mann, der durch Familien⸗ verhältniſſe oder andere Umſtände gezwungen wird, in der Prima auszutreten, nun drei Jahre dienen ſoll! Auch würde ſicherlich in kurzer Zeit ein Mangel an Unteroffizieren und Reſerveoffizieren eintreten.r.

Dieſe Übelſtände werden ſchon hinreichend ſein, um die Nichtdurchführbarkeit der gedachten Maßregel darzuthun.

2) Dir. Dr. Meyer kommt, um Abhülfe für die von ihm genau ſtudierten und erkannten Übelſtände in unſeren Schulverhältniſſen zu ſchaffen, auf den Vorſchlag, zunächſt die Ge⸗ währung des Berechtigungsſcheins zum Einjährig⸗ Freiwilligen Militärdienſt an die erlangte und durch ein beſonderes Examen bewieſene Prima⸗ Reife zu knüpfen. Hierdurch würde allerdings die Zahl der Einjährigen etwas vermindert

*) Der Verfaſſer wird uns gegen den Vorwurf des Utilitarismus ſchützen.