Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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werden; aber eine größere Zahl würde um die Vergünſtigung zu erlangen, den Schulkurſus mindeſtens um ein Jahr verlängern und nun in jeue Zeit kommen, welche zu einer Lehrzeit weniger geeignet iſt. Dieſer Umſtand und die Nähe des Schluſſes des Schulkurſus würde einen großen Teil der Schüler beſtimmen, zum Studium überzugehen und ſo die große Zahl der Abitu⸗ rienten noch vermehren. Grund genug, um von dem vorgeſchlagenen Verſuch abzuſtehen.

Gleichzeitig mit dem Hinaufrücken der ein⸗ jährigen Dienſtzeit will Dir. Meyer eine zwei⸗ jährige Dienſtzeit geſetzlich eingeführt haben, die allen denen zu teil werden ſoll, welche Tertia, oder eine hoͤhere Bürgerſchule, oder eine Mittelſchule(mit einer fremden Sprache) ab⸗ ſolviert haben, ja ſelbſt der erfolgreiche Beſuch6?) einer 36 klaſſigen Volksſchule ſoll dazu berech⸗ tigen, um dieſe Erleichterung auch dem militäriſch beſonders brauchbaren Bauernburſchen zu ge⸗ währen. Bei Ausführung dieſes Mittels würden wir nur dahin gelangen, wo wir in Wirklichkeit ſchon ſind, nämlich, daß der größere Teil der Soldaten ſchon nach 22 Monaten aus dem aktiven Dienſt entlaſſen würde. Der Unterſchied würde nur der ſein, daß alsdann ein ſolcher Zweijähriger nach zwei Jahren ſeine Stellung zur Reſerve ohne Rückſicht auf die erlangte Tüchtigkeit würde verlangen können, während gegenwärtig ſeine Stellung zur Dispoſition eben von ſeiner militäriſchen Ausbildung und ſeiner Führung abhängt; die Stellung zur Dispoſition iſt aber von der Stellung zur Reſerve nur dadurch unterſchieden, daß bei erſterer der Soldat noch im Laufe des Jahres einberufen werden kann. Dieſer geringe Vorteil wird wenige Schü⸗ ler in dem 14.16. Lebensjahre veranlaſſen, die Schule über die Konfirmation hinaus noch zu beſuchen, und ſo wird ein Hauptzweck des In⸗ ſtituts der Einjährig⸗Freiwilligen, die Schul⸗ bildung in größeren Kreiſen zu heben, nicht er⸗ reicht werden. Auch kann dieſen empfohlenen Zweijährigen mit Rückſicht auf die Disciplin, die Vergünſtigung des eigenen Logis nicht ge⸗ ſtattet werden.

Der größte Mangel dieſes Vorſchlags beſteht aber darin, daß jene vielen aus Tertia und Sekunda einer höheren Lehranſtalt abgehenden Schüler eine für den praktiſchen Beruf, zu dem ſie übergehen müſſen, nicht geeignete Vorbildung erhalten.

3) Man hat den Kommunen zur Abhülfe der Ubelſtände aufs wärmſte die Errichtung von Mittelſchulen mit einer fremden Sprache oder höhere Bürgerſchulen mit zwei fremden Sprachen und ſechsjährigem Kurſus von hoher und höchſter

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Stelle empfohlen.(ſ. S. 1). Erſtere haben gar keine Berechtigungen, letztere nur eine einzige einjähriger Militärdienſt, und dieſe muß erſt durch ein Examen unter dem Veorſitz eines Regierungs⸗Kommiſſars erlangt werden. Beide Schularten aber ſtehen außer aller Verbindung mit den anderen höheren Lehranſtalten. Die⸗ ſelben finden ſich denn auch nur in einigen großen Städten, aber niemals in einer kleinen Stadt, trotz allen Empfehlungen ſeitens der Re⸗ gierung. Mehr als dieſe Recommendationen würde den höheren Bürgerſchulen in den Augen des großen Publikums genutzt haben, wenn die Staatsregierung die Lehrer dieſer höheren Lehr⸗ anſtalten mit denen der Gymnaſien und Real⸗ gymnaſien im Gehalt gleichgeſtellt und die Zahlung des Wohnungsgeldzuſchuſſes geſetzlich geregelt hätte. Die Empfehlungen durch Wort und Schrift werden immer nur in kleinen Kreiſen bekannt und bald wieder vergeſſen; nicht ſo die jedermann bekannt werdende Gleichſtellung der Lehrer. Bei der gegenwärtigen Stellung der Lehrer an den ſo ſehr empfohlenen höͤheren Bürgerſchulen wird es kaum möglich ſein, eine tüchtige Kraft zu erhalten und zu behalten. Stich⸗ haltige Gründe gegen die Gleichſtellung aller Lehrer an den höheren Lehranſtalten ſind noch nicht vorgebracht worden, wohl aber ſchon viele im Intereſſe der Schulen für dieſelbe.

Es wird alſo das hier vorgeſchlagene Mittel auch keine Abhülfe des bezeichneten Übels bringen.

Dieſe ſo ſehr notwendige Abhülfe von den mehrfachen, aus dem jetzigen Unterrichtsſyſtem der höheren Lehranſtalten erwachſenen Übelſtänden wird nur dann zu erwarten ſein, wenn letztere in ihren drei unteren Klaſſen ſo organiſiert ſind, daß ſie mit den reſp. Klaſſen der höheren Bürger⸗ ſchulen möglichſt übereinſtimmen alſo mit einer lebenden Sprache beginnen und ſomit den Be⸗ dürfniſſen von ⁄0o ihrer Schüler entſprechen, in den drei oberen Klaſſen aber den gleichnamigen Klaſſen der Gymnaſien, bezw. Realgymnaſien thunlichſt gleichen, alſo zwei bezw. eine der alten Sprachen hinzutreten laſſen, wodurch dann auch diejenigen Schüler hinreichende Berückſichtigung finden, welche zum Studium oder in verſchiedenen Branchen des Staatsdienſtes oder in gewiſſe Geſchäftszweige, welche größere Anforderungen betreffs der Vorbildung ſtellen, übergehen. Dieſes iſt im Weſentlichen unſer vorzuſchlagender neuer Lehrplan, durch deſſen Befolgung die geſchilder⸗ ten Übelſtände beſeitigt werden. Bevor wir jedoch näher auf denſelben eingehen, wollen wir noch einige praktiſche Schulmänner und zwar Altphilologen über die weſentlichſte Anderung des Lehrplanes, nämlich über die Verlegung des