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dungsanſtalten für die breiten Schichten des Mittelſtandes die ſozialen Verhältniſſe und die Erwerbstätigkeit des Volkes ungünſtig beeinflußt hat, und daß in dieſer Beziehung auch in der Gegenwart genügende Abhilfe noch nicht ge⸗ ſchafft iſt.“
„In welcher Weiſe ſind die Organiſation unſerer höheren und mittleren Schulen und die dieſe beeinfluſſenden Verhältniſſe anders zu ge⸗ ſtalten, um dem Mittelſtande, ohne Schädigung der in den höheren Schulen zu verfolgenden Ziele, die erforderlichen Bildungsanſtalten zu ſchaffen; wie ſind dieſelben einzurichten und in welcher Weiſe ſind die erforderlichen Mittel zur Errichtung ſolcher Anſtalten ſeitens des Staats, bezi hunszeiſe der Kommunen zu beſchaffen?“
ir werden in Folgendem verſuchen, eine awrtuih der hier angeregten Fragen zu geben.
Zum Schluſſe dieſer intereſſanten Verhand⸗ lungen nahm der Präſident, Geheimrat Naſſe, das Wort:„Meine Herren! Es liegt in der Natur der Dinge, daß eine Generaldiskuſſion, wie wir ſie gehabt haben, nicht nach allen Seiten hin erſchöpfend ſein und nicht in dem Maße zu poſitiven, beſtimmten Zielen führen konnte, wie das die Erörterung ſpezieller Einzelfragen thut. Um ſo erfreulicher iſt es, daß doch in einem Punkte ſich völlige Uebereinſtimmung der Redner ergeben hat, nämlich darin, daß ſich zu unſeren höheren Bildungsanſtalten, hauptſächlich infolge der Berechtigungsbeſtimmungen über den ein⸗ jährigen Dienſt, eine Menge von Schülern drängt, welche dieſelben mit einer durchaus frag⸗ mentariſchen Bildung wieder verlaſſen. Dadurch entſteht für ſie die Gefahr einer verkehrten Be⸗ rufswahl, ſie werden veranlaßt, ſich Berufen zu⸗ zuwenden, von denen ſie beſſer fern blieben; wenn ſie aber dieſer Verleitung widerſtehen und ſich dem Handwerk und dem kleinen Gewerbe⸗ betriebe zuwenden, ſo iſt die Bildung für ſie eine durchaus unzweckmäßige. In dieſer Be⸗ ziehung iſt die allgemeine Anſicht dahin gegangen, daß es notwendig ſei, geeignete Mittelſchulen für dieſe Klaſſe einzurichten und zu vermehren. Es iſt davon geredet worden, ohne daß eine volle Übereinſtimmung der Anſichten über dieſen Punkt vorhanden war, daß dieſe Mittelſchulen auch, wenn irgend möglich, zu befördern ſeien durch Anderung der Beſtimmungen über die Berechtigung zum einjährigen Dienſt. Das glaube ich als das erfreuliche Reſultat der heu⸗ tigen Erörterungen konſtatieren zu können.“
Wir ſehen aus den wenigen Mitteilungen, mit wie großem Ernſte die ſehr gut unterrich— teten Sozialpolitiker die wichtige Frage behandelt
haben. Unter den verſchiedenen Vorſchlägen zur Abhülfe des erkannten Übelſtandes kann nur einer, mit dem Franzöſiſchen den fremdſprachlichen Unterricht in den höheren Schulen anzufangen, als praktiſch ausführbar und Abhülfe ver⸗ ſprechend angeſehen werden.
Bei der Wichtigkeit des Gegenſtandes halten wir es für geboten, noch die Anſichten berühmter Pädagogen, welche gleichfalls wie die Mitglieder des Vereins für Sozialpolitik die ſeitherige Or⸗ ganiſation unſerer höheren Lehranſtalten nicht für zweckmäßig halten, in Kürze hier anzuführen. So ſagt der große Pädagoge und Begründer eines philoſophiſchen Syſtems, Herbart:„Daß man junge Leute, die nicht ſtudieren ſollen, dennoch durch die Gymnaſialklaſſen gehen läßt, und ſie da mit Strenge zu Arbeiten anhält, deren Zweckloſigkeit ſie nur zu gut vorausſehen, iſt einer der ſtärkſten Beweiſe von Mangel an Nachdenken und von Hingeben an unbeſtimmte Lobpreiſungen der alten Sprachen.“
Schon im Jahre 1779 erklärte Fr. Gedike, Direktor des Werder'ſchen Gymnaſiums zu Berlin, 6einer der gelehrteſten und erfahrenſten Schulmänner des Jahrhunderts:„Es iſt leider der größte Fehler unſerer Schulen, daß ſie alle die Formen von Werkſtätten der Gelehrſamkeit haben. Auch da will man Gelehrte ziehen, wo man nur Bürger erziehen ſollte. Wahrlich, eher iſt an keine Schulbeſſerung zu denken, bis man dieſe Erziehungsmengerei zu Grabe trägt, bis man alle ſogenannten lateiniſchen Schulen in den kleinen Städten zu wahren Realſchulen umſchmilzt.“ Die Erfahrung hat indeſſen ſeit⸗ dem gelehrt, daß ſich aus den meiſten lateiniſchen Schulen des vorigen Jahrhunderts infolge des Berechtigungsweſens Gymnaſien entwickelt haben. Bei dieſer Umwandlung machte ſich beſonders der Einfluß der Beamten und Geiſtlichen geltend.
Geheimrat Dr. Wieſe ſagt Seite 14 be⸗ ziehungsweiſe Seite 86 in ſeinen„pädagogiſchen Idealen und Proteſten“, welche er zehn Jahre nach ſeinem Rücktritt von der Leitung des höheren Schulweſens in Preußen herausge⸗ geben hat, um auch an ſeinem Teile an der Frage wegen der Überbürdung thätigen Anteil zu nehmen:„Zu dem Vorwuyff, daß hieran die Schule durch die geiſtige Überlaſtung der Jugend Schuld ſei, geſellt ſich gleichzeitig der andere, daß ihr Unterrichtsſyſtem der ſich immer weiter verbreitenden Halbbildung Vorſchub leiſte, die für das Gemeinwohl große Gefahren enthalte. Auch erfahrene Männer von ruhigem und klarem Urteil halten für möglich, daß daraus bei uns ſich Zuſtände entwickeln, die von dem


