Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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gehenden, zum einjährigen Dienſt berechtigenden Schulen am Orte ſind.

Der Landtagsabgeordnete Seyffardt(Kre⸗ feld) äußerte in der Discuſſion u. A.:Die Ein⸗ wirkung unſerer Schulorganiſation auf eine ge⸗ deihliche und fortſchreitende Entwickelung der Erwerbsthätigkeit unſerer Nation iſt weit hinter den Wünſchen und Anforderungen zurückge blieben, die man zu ſtellen berechtigt i.. Was wir auch thun mögen, in welcher Richtung wir auch reformieren mögen: es darf niemals geſchehen auf Koſten der glücklichen Errungen⸗ ſchaft, daß alle mittleren und höheren Schulen in erſter Linie eine allgemeine Bildung er⸗ ſtreben.. Indeß moͤchte ich doch jedem Vater abraten, der ſeinen Sohn für die wirt⸗ ſchaftlichen Fächer beſtimmt, ihn auf das Gym⸗ naſium zu ſchicken*). Es iſt von einem Herrn Redner ſchon darauf hingewieſen worden, wie ſich der Schüler auf dieſer Anſtalt in einer Sphäre bewegt, in der die wirthſchaftlichen Fächer eigentlich als mehr untergeordnete Kreiſe menſchlicher Thätigkeit betrachtet werden. In⸗ folge deſſen wird ſehr ſelten ein ſolcher junger Mann nachher dem wirthſchaftlichen Leben treu bleiben, vielmehr recht häufig die Überproduktion an akademiſch Gebildeten vermehren helfen, es ſei denn, daß er als Sohn eines vermögenden Kaufmanns oder Induſtriellen in ein gemachtes Bett hineinkommt, das ihm die denkbar be⸗ quemſte Zukunft zu ſichern ſcheint.

Geheimer Ober⸗Regierungsrat Thiel, vor⸗ tragender Rat im landwirthſchaftl. Miniſterium, zeigte in ſeinem Vortrage u. a. an der Frequenz der landwirtſchaftlichen Schulen, daß die Eltern

urch äußerliche Umſtände, wie paſſende oder billige Gelegenheit u. dgl., ſich bei der Wahl einer höheren Lehranſtalt für ihre Sohne be⸗ ſtimmen laſſen und daß es ſolchen Eltern ganz einerlei iſt, ob ihre Kinder Landwirtſchaft oder Latein oder Griechiſch oder Sanskrit und wer weiß was treiben. Wenn aber ſolche äußerlichen Momente ſo ausſchlaggebend ſind, dann erſcheint es mir von allergrößtem Wert für die Unter⸗ richtsverwaltung und das ganze gewerbliche Leben, dafür zu ſorgen, daß ſo viel wie möglich berechtigte Schulen, die für eine möglichſt große Klaſſe von Gewerbtreibenden paſſen, über das Land verbreitet ſind, und daß der jetzige Zuſtand möglichſt beſeitigt wird, daß in den kleineren Städten ein Gymnaſium die einzige berechtigte Schule iſt, weil dadurch dieſer einzigen Schule des Orts eine Menge von Elementen zugefuͤhrt wird, für welche dieſe Schule gar nicht berechnet

*) Gilt auch zum Teil für die unteren Klaſſen eines

iſt. Eine ſolche Verallgemeinerung der Mittel⸗ ſchule wird allerdings ſchon des Koſtenpunktes wegen nur möglich ſein, wenn die Mittelſchule nicht von der unterſten bis zur oberſten Klaſſe ganz ſelbſtändig neben den anderen ebenfalls ganz ſelbſtändigen Schulen ſtehen muß, ſondern wenn es gelingt, die Schulen ſo zu organiſieren, daß die unteren Klaſſen einen allen gemeinſamen Unterricht bieten können, was wiederum bedingt, daß in den unteren Klaſſen mit den modernen Sprachen angefangen, und der Unterricht in den toten Sprachen in die oberen Klaſſen verlegt wird, wozu wir ja an den Gymnaſien einen kleinen Anlauf ſchon genommen haben.

Dr. Spier(Frankfurt):Ich glaube, das Gefühl iſt heut allgemein, daß unſere Mittel⸗ klaſſe, unſer kleiner Bürgerſtand, heute nicht ge⸗ nügend vorgebildet iſt, um im praktiſchen Leben etwas zu erreichen. Unſer preußiſches Schul⸗ ſyſtem hat die heutige Oberrealſchule, das Real⸗ gymnaſium und das Gymnaſium mit neun⸗ jährigem Kurſus. Die heutige Realſchule iſt keine geſchloſſene Schule, ſondern nur eine Vor⸗ ſchule für die Oberrealſchule, in ähnlicher Weiſe wie das Progymnaſium für das Gymnaſium. Wir haben dagegen in unſerem Lehrgang für die höheren Schulen eine Schule, die entſchieden den Bedürfniſſen entſpricht, die heute hervor⸗ gehoben worden ſind, und das iſt der Lehr⸗ plan der höheren Bürgerſchule. Es ſind das ſechsklaſſige Schulen mit Franzöſiſch und Engliſch, die nur die eine Schattenſeite haben, daß ſie in Preußen ſehr wenig verbreitet ſind.

Dieſe geringe Verbreitung liegt hauptſächlich an den geringen Berechtigungen, welche dieſen Schulen zuſtehen.

Am Schluüſſe der Debatte erhielt der Referent, Generalſekretär Bueck, das Wort:Uber einen Punkt iſt die Einſtimmigkeit der Verſammlung vollſtändig geweſen, nämlich, daß der groͤßte UÜbelſtand in dem Umſtande zu erblicken iſt, daß uns die Bildungsanſtalten für den Mittelſtand fehlen, und jeder der hier anweſenden iſt durch⸗ drungen von der Ueberzeugung, daß nach dieſer Richtung Wandel geſchafft werden muß. Nun iſt auch ſchon von anderer Seite betont worden, daß der Verein ſich ein großes Verdienſt er⸗ worben hat, daß er dieſe Frage, die ſo brennend iſt, hier verhandelt hat.

Der Redner, welcher durch gründliche Stu⸗ dien zu ſeinem ausführlichen Referat über den behandelten Gegenſtand genau orientiert iſt, reichte folgenden Antrag ein:Von keiner Seite i*ſt beſtritten worden, daß der Mangel an Bil⸗

Realgymnaſiums.