Sehen wir nun an der Hand ſtatiſtiſcher Er⸗ hebungen wie groß die Zahl derjenigen Schüler iſt, welche den ganzen Kurſus einer höheren Lehranſtalt vollenden, d. h. die Abgangsprüfung beſtehen, um hieraus auch die Zahl derer kennen zu lernen, die im Laufe des Schulkurſus die Anſtalt verlaſſen.
Im Winterſemeſter 1883— 84 waren in allen neunklaſſigen höheren Schulen 106,405 Schüler, von denen 4007 das Abgangsexamen beſtanden, d. h. 3,77 Prozent. Von 100 Schülern haben alſo noch nicht 4 Schüler das Ziel des neun⸗ jährigen Schulkurſus erreicht. Jn.
In früheren Zeiten war das Verhältnis etwas günſtiger. Denn in den Jahren 1841—60 be⸗ ſtanden jährlich 4,8 Prozent die Maturitäts⸗ prüfung, in den Jahren 1861—70 beſtanden jährlich 4,3 Prozent die Maturitätsprüfung.
Es hat ſich alſo ſeit dem Jahre 1840 eine ſtarke Abnahme in der Zahl der Maturi heraus⸗ geſtellt und zwar um 1 Prozent in der Geſamt⸗ zahl der Schüler, d. i. aber um ein Fünftel der Abiturienten. Eine gleiche Abnahme zeigt ſich auch in der Zahl der Primaner.
Die hier mitgeteilten ſtatiſtiſchen Reſultate ſind bedeutungsvdll. Zunächſt weiſt die prozentige Abnahme der Abiturienten— nicht zu verwechſeln mit der abſoluten Zahl der Abiturienten— daraufhin, daß ſich jetzt mehr als früher Schüler in den höheren Lehranſtalten befinden, denen Beanlagung oder Fleiß oder beides mangelt, um zum Jiele zu gelangen. Noch deutlicher wird dieſes bewieſen, wenn wir die Zahl der Primaner in Rechnung ziehen.
„Während im Jahre 1859— 60 auf 100,000 Einwohner 211 Gymnaſiaſten kamen, betrug die Zahl der Primaner in demſelben Jahre 11,4 Prozent (und da die Prima einen zweijährigen Kurſus hat, ſo befanden ſich in einer der beiden Ab⸗ teilungen nicht ganz 6 Prozent); dagegen kommen im Jahre 1880— 81 auf 100,000 Einwohner 280 Gymnaſiaſten und darunter nur 10,9 Pri⸗ maner, welches eine Verminderung von 23 Prozent ausmacht.*)
Aus den mühſevollen Unterſuchungen des Dir. Dr. Meyer ergiebt ſich ferner, daß von den alljährlich zudehendes Schülern etwa ⅛ die Abgangsprüfung beſteht, die Berechtigungen er⸗ langt, welche Sekunda bezw. Prima gewähren, d. h. Einjährig⸗Freiwilligen⸗Militärdienſt, Zutritt zu verſchiedenen Zweigen des Subalterndienſtes, ſowie zur Pharmazie⸗ Zahnarzneikunde, Tier⸗ arzneikunde u. dergl., daß aber die Hälfte der abgehenden Schüler auch hiervon nichts erreicht.
Zur Vergleichung dieſer Zahlenangaben mit den obigen bemerken wir, daß zirka des je⸗ weiligen Schülerbeſtandes im Laufe eines Jahres abgeht und ſomit ½0 der Frequenz die Zahl der Abiturienten(3,3 Prozent), ⁄16 der Frequenz die Zahl der den Berechtigungsſchein und einige weitere Berechtigungen Erlangenden(6 ½ Proz.) angiebt. Aus den beiden Tertien verlaſſen ½ der Schüler dieſe Klaſſen, die noch keine Be⸗ rechtigungen gewähren. Viele Schüler treten auch ſcon in Qnarta kurz nach der Konfirmation aus, nachdem ſie den Kurſus in einer oder auch in zwei Klaſſen wiederholt haben.
Hieraus ergiebt ſich, daß der bei weitem größte Teil der Schüler(96 Prozent) der höheren Lehr⸗ anſtalten nach einem Lehrplan unterrichtet werden, bei welchem auf ſie keine Rückſicht genommen iſt; denn was nützt dieſen vielen Schülern die lateiniſche und griechiſche Formenlehre, wenn die⸗ ſelben nicht ſo weit gelangen, einen lehrreichen Schriftſteller in dieſen Sprachen leſen zu konnen. Wir ſind überzeugt, daß recht wenige Eltern dieſe ungünſtigen Verhältniſſe gekannt haben.
Unter ſolchen Umſtänden iſt es doch gewiß geboten, eine Schulorganiſation anzuſtreben, welche dieſer großen Anzahl von Schülern gerecht wird und denſelben eine ſolche Bildung ermoͤglicht, die ihnen allen notwendig iſt, und an die der weitergeführte Teil der Schüler auch noch die klaſſiſche Bildung anſchließen kann. Oder ſollte nicht ein Lehrplan möglich ſein, bei welchem die 4 Prozent Abiturienten zum Ziele geführt werden, und daß zugleich auch die 96 Prozent der anderen Schüler Berückſichtigung fänden.
Wenn wir nach den Ürſachen forſchen, welche die überaus große Anzahl Schüler, die den Kurſus nicht vollenden, den höheren Lehranſtalten zuführt, ſo ſind es dieſelben, welche wir oben bei Beſprechung der Abiturienteu⸗Frage gefunden haben. Selbſt in dem Falle, daß die Eltern wegen beſtimmter Familien⸗ oder Geſchäftsver⸗ hältniſſe ſchon früh den Sohn nicht zum Studium beſtimmen, wird ihnen doch der Unterricht einer Elementarſchule für denſelben nicht genügen— auch noch andere Gründe ſprechen bei manchen Eltern gegen den Beſuch einer Volksſchule—, und ſo werden dieſelben eine die angegebenen Übelſtände bietende höhere Lehranſtalt für den Sohn wählen müſſen, weil eine andere meiſtens nicht vorhanden iſt. Gewiß wird nun niemand etwas dagegen ſagen, im Gegenteil wird man es nur billigen können, wenn der Vater, welcher ſeine Schulbildung nicht ausreichend gefunden hat, ſeinen Sohn, um denſelben vor ſolchen un⸗
*) Dir. Dr. K. Wald. Meyer, die moderne Berechtigungsjagd auf unſeren höheren Schulen.


