den gegenwärtigen Verhältniſſen Mangel an An⸗ gebot von Beamten eintreten werde. Ferner heißt es:„Auf der anderen Seite haben aber auch die übrigen Kreiſe der Bevölkerung ein Anrecht auf Unterſtützung, wenn für ſie die nötigen Schulen fehlen. Deshalb erſcheint es angemeſſen, daß die Summen des gegenwärtigen Staatszuſchuſſes, welche ſpäter durch das erhöhte Schulgeld der Gymnaſien, bei dieſen nicht mehr erforderlich ſind, alſo disponibel werden, zum Teil zur Eründung von Freiſtellen für Gymnaſien, zunächſt aber zur Unterſtützung von höheren Bürger⸗ ſchulen, dann von Realſchulen an Stelle der Progymnaſien verwendet werden.“
Sehr richtig bemerkt Prof. Conrad hier, daß der Staat auch die Verpflichtung habe, für einen gebildeten Gewerbeſtand durch Gewährung von Geldmitteln für Beſchaffung der erforderlichen Schulen zu ſorgen. Es wird aber ſchwer werden, die nötigen Fonds auf dem von ihm vorgeſchlagenen Wege zu erhalten; denn wie ſchon vorhin angegeben, werden die Staatsdiener einer weitgehenden Erhohung des Schulgeldes in den Gymnaſien wegen ungenügenden Einkommens einen großen Widerſtand entgegenſetzen. Außer⸗ dem würde der Umwandlungsprozeß der huma⸗ niſtiſchen Anſtalten in realiſtiſche unter dem beſtehenden Berechtigungsweſen auf große Schwie⸗ rigkeiten ſtoßen, ja geradezu unmöglich ſein.
Man muß ſich wundern, wie Prof. Conrad nach einer gründlichen Unterſuchung des Uni⸗ verſitätsſtudiums glauben kann, daß„die hier vorgeſchlagene Reform des Schulweſens allein genügen würde, die genannten Übelſtände zu be⸗ ſeitigen.“
Herr Prof. Conrad kann demnach ebenſowenig mit ſeinen Mitteln die wichtige Frage löſen, wie alle diejenigen, die nicht von dem Gedanken abgehen können, eine Anderung des Gymnaſiums findet nicht ſtatt, und daſſelbe bleibt die einzige Lehranſtalt mit allen Berechtigungen.
Da die ſeit mehreren Jahren in Fach⸗ ſchriften und ſelbſt in der Tagespreſſe ausge⸗ ſprochenen Warnungen vor der Überproduktion der Studierenden ohne Wirkung geblieben ſind, auch der Name„Abiturienten⸗Proletariat“ nicht abgeſchreckt hat, und die vorhin genannten Mittel keinen Erfolg gehabt haben, ſo muß man auf andere Weiſe Abhülfe ſuchen.
Das von uns vorzuſchlagende Mittel iſt nun aber dasjenige, welches wir auch für geeignet halten, das bei weitem größere UÜbel der unzweckmäßigen Vorbildungdermeiſten
Schüler(95 Procent) der höheren Lehr⸗ anſtalten zu beſeitigen.
Dieſen Übelſtand unſeres höheren Schul⸗ weſens erachten wir für viel nachteiliger für die ſocialen Verhältniſſe unſeres Volkes als die bisher betrachtete Uberproduktion der Abiturienten, und die Beſprechung deſſelben bezüglich de Vorhanden⸗ ſeins, ſeiner Ausdehnung und ſeiner Urſachen, ſowie des Weges zur Beſeitigung halten wir für die eigentliche Aufgabe dieſer Schrift.
In den in Betrachtung gezogenen höheren Schulen iſt der Lehrplan ſo geordnet, daß die Schüler erſt dann einen eigentlichen Erfolg von der bildenden Kraft des Unterrichts haben koͤnnen, wenn ſie bis zum Schluſſe des Schulkurſus an demſelben teilnehmen. Damit iſt nun ſchon deutlich geſagt, daß alle diejenigen Schüler, welche vor Abſolvierung des ganzen Kurſus die Anſtalt verlaſſen, in ihrer Ausbildung notleiden. Von dem lateiniſchen Unterricht der Schüler, welche aus den unteren und mittleren Klaſſen abgehen, ſagt Herr Geheimrat Dr. Bonitz, früher Gymnaſial⸗Direktor, jetzt vortragender Rat im Unterrichts⸗Miniſterium:„Der lateiniſche Un⸗ terricht iſt für ſolche Schuͤler eine Laſt ohne Erhebung, nur eine Mühe ohne Erfolg!“ Ferner ſagt dieſer Gelehrte und Schulmann erſten Ranges*): In einem früheren Zeitraume freilich als noch jede wiſſenſchaftliche Kenutnis durch das Organ der lateiniſchen Sprache vermittelt wurde, würde das Ausſchließen vom Lateinunterrichte zugleich ein Ausſchließen von jeder höheren Bildung geweſen ſein; aber daß unter den ge⸗ genwärtigen Kultur⸗Verhältniſſen die lateiniſche Sprache dieſe Bedeutung nicht mehr hat, und was von entſcheidender Wichtigkeit iſt, daß bis zum 16. Lebensjahre neben der Aufnahme der unbedingt notwendigen Kenntniſſe die Aneignung des Latein zu dauerhaftem und wertvollem Be⸗ ſitze eine Unmöͤglichkeit iſt, unterliegt ſchwerlich noch einem Zweifel. Und ein Riß in die ge⸗ meinſame Bildung der Nation? Wenn wirklich das Latein, welches der Gymnaſiaſt oder gar der Realſchüler bis Tertia oder höchſtens Unter⸗ Sekunda ſich aneignet, bisher der Kitt unſerer gemeinſamen Bildung geweſen wäre, ſo wäre es mit unſerer Bildung und ihrer Gemeinſamkeit ſehr übel beſtellt und es wäre hohe Zeit, an eine Umkehr zu denken. Aber beſteht denn etwa zwiſchen Männern der umfaſſendſten Bildung und gebildeten Frauen jene als Schreckbild uns vorgehaltene Kluft? Und doch hat bis jetzt nur ausnahmsweiſe Verſtiegenheit Mädchen undFrauen zum Erlernen der lateiniſchen Sprache geführt.
*) Die gegenwärtigen Reformfragen in unſerem höheren Schulweſen, Preuß. Jahrbücher 35. Bd. S. 159.


