Als letzten, aber nicht als den geringſten Grund der großen Frequenz der Hochſchulen müſſen wir noch den Druck anführen, welcher ſeit etwa einem Jahrzehnt in der Induſtrie und in den Geſchäften ſich bemerklich machte, und wodurch mancher Sohn eines Fabrikanten oder Kaufmanns veranlaßt wurde zu einem Brod⸗ ſtudium überzugehen oder auf eine Anſtellung im Stastsdienſte zu reflektieren, während ſolches im vorausgehenden Dezennium nicht vorkam.
Bei unſeren Betrachtungen haben wir uns, veranlaßt durch die wichtigen Außerungen der höchſten Beamten der Unterrichtsverwaltung und weil uns hierfür ſtatiſtiſches Material zu Ge⸗ bote ſtand, auf die zur Univerſität übergehenden Abiturienten beſchränkt, wenngleich eine nicht un⸗ beträchtliche Anzahl in verſchiedene Zweige des Staatsdienſtes, wie zum Forſt-, Bau⸗, Berg⸗, Poſt⸗ und Steuerfach, ſowie zum Militär nach beſtandenem Maturitätsexamen übergeht. Die Überfüllung iſt indeſſen in den meiſten der genannten Branchen nicht minder groß als bei den Fakultätsſtudien, da dieſe nicht ſo geſucht ſein würden, wenn ſich mehr Abiturienten den genannten Zweigen des Staatsdienſtes widmen könnten. Um Annahme bei einigen der letzteren finden zu köͤnnen, müſſen die Aſpiranten in ihren Maturitätszeugniſſen beſonders gute Noten aufweiſen, während beim Univerſitätsſtudium beſondere bezw. höhere Anforderungen bekanntlich nicht geſtellt werden.
Die ſtatiſtiſchen Erhebungen weiſen nun nach, daß von den Gymnaſialabiturienten des Seme⸗ ſters 1883/84 faſt 85 Prozent, von den Real⸗ gymnaſialabiturienten nur 40 Prozent zur Uni⸗ verſität übergingen. Zur weiteren Erklärung fügen wir noch hinzu, daß ſich nach einem ſechs⸗ jährigen Durchſchnitt(1873—78) in Preußen die Zahl der erſteren zu der letzteren wie 10:1 verhält.
So ſind es denn der Gründe mehrere und ar verſchiedene, welche zu einer ſo bedeutenden
ermehrung der Abiturienten beigetragen haben. Dieſelbe mußte notwendig ihre nachteiligen Folgen nach verſchiedenen Richtungen hin äußern, ſo⸗ wohl für die jungen Leute ſelbſt, als auch in Beziehung auf die wirtſchaftlichen Verhältniſſe unſeres Volks. Letztere werden in ſolcher Weiſe berührt, daß unſer größter Staatsmann, der Reichs⸗ kanzler Fuͤrſt Bismark, welcher in den letzten Jahren, nachdem die Einigung Deutſchlands er⸗ reicht und befeſtigt, eine Beſſerung der wirt⸗
*) Unter dieſem Titel brachte im September 1883 (abgedruckt im Marburger Tageblatt am 23. Septbr. 1883), Nachteile mit beredten Worten ſchildert.
ſchaftlichen Verhältniſſe unſeres Volks mit Eifer und Erfolg anſtrebt, ſich ſchon mehrfach und treffend über die hervorgetretenen nachteiligen Wirkungen äußert, wie auch von ihm das ge⸗ flügelte Wort„Abiturienten⸗Proletariat“ ſtammt*).
Kaum wird es nötig ſein, ſich über die nach⸗ teiligen Folgen des allzu großen Zudranges zu den Berufsarten, zu denen ein Abiturienten⸗ examen erforderlich iſt, noch weiter zu verbreiten, da dieſe immer brennender werdende Frage ſchon ſeit längerer Zeit auch die Tagespreſſe vielfach beſchäftigt. Daher kann man auch zum öftern in verſchiedenen Blättern leſen, wie die Zahl der unbeſoldeten Gerichtsaſſeſſoren in den letzten Jahren gewachſen iſt, ſo daß die Zeit bis zur definitiven Anſtellung eine immer längere wird. Gleiche Notizen werden auch von anderen Zwei⸗ gen des Staatsdienſtes mitgeteilt. In demſelben Maße iſtauch das Lehrfachüberſetzt; denn vor kurzem konnte man leſen, daß ſich um eine Lehrerſtelle an der Handelsſchule in Chemnitz 109 Compe⸗ tenten gemeldet hatten. Die große Anzahl von Kandidaten erklärt ſich leicht, wenn man berück⸗ ſichtigt, daß der Bedarf an Lehrern der höheren Schulen Sachſens jährlich 4—5 Lehrer beträgt, daß aber 30 Lehramtskandidaten im Jahre hin⸗ zutreten. Selbſtverſtändlich werden bei ſo großem Andrang nur die Bewerber mit recht guten Zeugniſſen reüſſieren. Zur Erlangung eines ſolchen Zeugniſſes wird aber für den Minder⸗ begabten die Aufbietung des größten Fleißes notwendig ſein, da, wie die Erfahrung lehrt, mit der Zahl der Kandidaten ſtets die Anfor⸗ derungen im Examen geſteigert worden ſind. Infolge deſſen wird die Uberbürdung der Jugend, welche man in den letzten Jahren, wie oben be⸗ merkt, durch einige Ermäßigungen der Ziele der Klaſſen der höheren Lehranſtalten in dieſen zu beſeitigen beſtrebt war, nunmehr in noch höherem Grade auf die Univerſität verlegt.
Bezüglich der auf den preußiſchen Univerſitäten Theologie Studierenden ſchreibt das„Neue evangel. Gemeindeblatt“, daß im letzten Winterſemeſter die Zahl derſelben derart gewachſen ſei, daß jetzt eher von einem Überfluß als von einem Mangel die Rede ſein könne. Um ähnliche Zahlen zu treffen, müſſe man in die 30er Jahre zurückgehen, zu welcher Zeit ein Theologe ſelten vor dem 35. Lebensjahre eine Pfarrei erhielt.
Unter dieſen ſchwierigen Umſtänden werden ſich viele junge Leute ſchließlich in Berufsverhält⸗ niſſen finden, die ſie weder in ideeller noch in
die„Wiener Preſſe“ einen ſehr zu beherzigenden Artikel,
der die aus der Überproduktion an Abiturienten entſtandenen


