Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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den meiſten höheren Lehranſtalten unterrichteten Lehrgegenſtände keine geeignete Vorbildung für einen praktiſchen Beruf gewähren, auch nicht gewähren ſollen. Dieſen Mangel erkennt denn der junge Menſch recht wohl, und daher bleibt er dann lieber bei den ihm bekannten Beſchäfti⸗ gungen, als daß er ſich auf ein ihm unbekann⸗ tes, wenn nicht gar verachtetes Feld begiebt.

Von großem Einfluß iſt hierbei die weit ver⸗ breitete Anſicht, daß der Weg durch das Studium, wenn auch nach langem Warten, doch noch zu einer auskömmlichen Stellung führe. Ob und wann dieſes Ziel in den kommenden Jahren und von dieſer Zeit kann doch hier nur die Rede ſein bei der forwährend zunehmenden Über⸗ produktion erreicht werden wird, iſt ſchwer zu ſagen; doch iſt es keine zu kühne Behauptung, daß dieſe jungen Leute mit dem zu ihrer Aus⸗ bildung bis dahin nicht verwendeten und demnach noch verfügbar bleibenden Kapital im praktiſchen Leben früher zu einer ſelbſtändigen und einträg⸗ lichen Stellung gelangt ſein würden.

Bei der Wahl des akademiſchen Berufs übt ferner nicht ſelten die falſche Beurteilungsweiſe der Einkommensverhältniſſe einer Stelle und eines Geſchäfts einen beträchtlichen Einfluß aus, in⸗ dem, wie die Erfahrung ſchon zum öfteren gelehrt hat, von Gewerbetreibenden nur die Summe als ihr Einkommen angeſehen wird, welche ſich als jährlicher Erwerb nach Abzug der Wohnungs⸗ und Haushaltungskoſten, ergiebt. Dabei iſt aber ganz vergeſſen, daß der im ganzen geringe, wenn auch ſichere Gehalt eines Angeſtellten nur in ſeltenen Fällen ausreichend iſt, demſelben zu einem eigenen Heim zu verhelfen. Noch mehr tritt der Unterſchied zwiſchen dem Einkommen der Angeſtellten und dem der Inhaber eines Geſchäfts in größeren Städten hervor.

Auch eine andere eigentümliche Anſchauungs⸗ weiſe des deutſchen Volkes trägt nicht wenig zur Vermehrung der Anzahl der Studierenden bei, indem nämlich, im Gegenſatz zu anderen Kultur⸗ völkern, von den Deutſchen, beſonders von den Bewohnern in kleineren Städten, eine Stellung mit vorausgehendem Studium für eine vor⸗ nehmere gehalten wird, als die eines Kaufmannes, Induſtriellen, Okonomen, Gewerbetreibenden u. dergl. Bei einer Anderung dieſes Vorurteils würde gewiß mancher talentvolle junge Mann mit dem Selbſtvertrauen, ſeines eigenen Glückes Schmied zu ſein, zum Segen unſerer volkswirt⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe zum Geſchäftsleben über⸗ gehen.

Die erwähnte Abneigung gegen das Hand⸗ werk wird nun noch gar nicht ſelten durch un⸗ überlegte und unpaſſende Außerungen ſeitens

der Eltern und Lehrer in hohem Grade gefördert. Ganz abgeſehen von den falſchen Anſichten, welche über die Anforderungen zu einem gründ⸗ lichen Erlernen und rationellen Betrieb eines Handwerks verbreitet ſind und zu geringſchätzigen Bemerkungen und unpaſſenden Drohungen gegen unfleißige Schüler verleiten, wirkt noch viel ab⸗ ſchreckender, wenn die Schüler hier und da eine wenig nachſichtige und in ſo manchen anderen Beziehungen nicht zu billigende Behandlung der Lehrlinge ſehen. Wenn die vielfachen Bemühungen in der Gegenwart, das Handwerk wieder zu der Blüte zu bringen, welche es im Mittelalter hatte, Erfolg haben ſollen, dann muß auch von jeder⸗ mann dem tüchtigen Handwerker diejenige Achtung gezollt werden, welche derſelbe in jener Zeit genoß. Hierzu wird er aber nur dann gelangen, wenn er vor allem bemüht iſt, die künſtleriſche Seite ſeines Handwerks auszubilden und zur Geltung zu bringen. Solches wird ihm jetzt nur möglich werden, wenn er eine gute Schul⸗ bildung ſich erworben hat, die ihn zugleich be⸗ fähigt, ſein Geſchäft auch kaufmänniſch zu betreiben. Ein gut vorgebildeter Lehrling, bei einem tüch⸗ tigen Meiſter eingeübt, wird bei fernerer Streb⸗ ſamkeit früher zu einer auskoͤmmlichen und ſelbſtändigen Stellung gelangen, als ein junger Kaufmann. Daß dieſe Anſicht auch unter den Sozialpolitikern verbreitet iſt, geht daraus hervor, daß unter den mannigfachen Vorſchlägen zur Abhülfe der Überzahl junger Kaufleute keiner den Beſuch der Volksſchule empfiehlt.

Eine Vermehrung der Studierenden wird weiter ſicherlich auch die, um eine Überbürdung der Schüler zu vermeiden, ſeit einigen Jahren eingetretene Ermäßigung der Klaſſenziele und der Anforderungen der Abiturienten⸗Prüfung zur Folge haben; auch die Zuläſſigkeit von Kompen⸗ fationen in letzterer, gewährt eine nicht un⸗ weſentliche Erleichterung. Denn es iſt unzwei⸗ felhaft, daß eine gute Beanlagung für Sprachen nicht ſelten mit einer mangelhaften Begabung für Mathematik verbunden iſt und umgekehrt. Es iſt daher, ſo gerechtfertigt auch die Anord⸗ nung ſein mag, immerhin eine Erleichterung des Examens und folgerecht eine Vermehrung der Abiturienten, wenn gute Leiſtungen in den Sprachen ungenügende in der Mathematik und umgekehrt kompenſieren köoͤnnen.

Ebenſo wird die Verſchiebung des Griechi⸗ ſchen aus der Quarta nach der Tertia es manchen Schülern ermöglichen, den ganzen Curſus zu abſolvieren, während früherhin die Schwierigkeit der Erlernung der genannten Sprache in der Quarta viele Schüler zum Austritt aus der An⸗ ſtalt veranlaßte..