Es wird nicht unintereſſant ſein, wenn wir hier für einige Zeiträume angeben, wie viel Studenten den vier Fakultäten in einem Semeſter nach einer durchſchnittlichen Berechnung ange⸗
hörten, wobei zugleich der Wechſel in der Anzahl der Studierenden der einzelnen Facultäten her⸗ vortritt.
Zeitraum. eanhe! dura che Juriſten. Mediziner. Philoſophen Im ganzen. 1861— 66 2437 1117 2850 2435 4⁴09 13248
— 1876— 81 1961 664 5087 3734 8104 19550 1884— 85 4115 964 4914 7242 9259 26494
Man würde jedoch ein ungenaues Urteil über die Zunahme der Studenten erhalten, wenn man nicht die bedeutende Vermehrung der Be⸗ völkerung Deutſchlands in Rechnung ziehen wollte, welche im Jahre 1867 38 ½ Millionen Einwohner und im Jahre 1885(mit Ausſchluß von Elſaß⸗ Lothringen) 43 ½ Millionen Einwohner betrug, alſo um 13 Procent gewachſen iſt. Prof. Conrad hat deshalb auch für verſchiedene Zeiträume berechnet, wie viel Studierende auf je 100,000 Einwohner kommen. Wenn man nun bei einer Vergleichung der betreffenden Zahlen findet, daß in dem Zeitraume von 20 Jahren die Zahl der Studierenden auf je 100,000 Einwohner bei den deutſchen Univerſitäten um 55 Procent und bei den preußiſchen Univerſitäten insbeſondere um 50 Procent geſtiegen iſt, ſo wird man ferner noch zur gründlichen Beurteilung der eigentlichen Überproduktion an Studierenden und der hieraus erwachſenen Erſchwerung der Erwerbsverhältniſſe in Erwägung ziehen müſſen, daß mit der Zu⸗ nahme der Bevölkerung nicht auch in gleicher Weiſe die Zahl der Stellen wächſt, auf welche die Studierenen reflektieren. So iſt z. B. die Zahl der Pfarr⸗ nnd Richterſtellen in Kurheſſen, ſowie auch der Stellen in einigen anderen Zweigen des Staatsdienſtes, noch dieſelbe, wie vor mehreren Jahrzehnten. Für manche andere Berufsarten, wie für die Arzneikunde, wird aber nur dann mit der Zunahme der Bevölkerung eine Beſſerung der Verhältniſſe für die bezüglichen Reflektanten eintreten, wenn auch damit ein Wachstum des Wohlſtandes des Volkes verbunden iſt, was jedoch nicht in gleichem Maße geſchehen iſt.
Bei Berückſichtigung dieſer Umſtände muß alſo die Überproduktion noch für größer erachtet werden, als ſich dieſelbe aus der alleinigen Be⸗ trachtung der reſp. Zahlen ergiebt.
Als Urſachen zu der nachgewieſenen bedeuten⸗ den Vermehrung der Studierenden müſſen wir mehrere aufzählen.
Profeſſor Conrad ſagt in dem oben ange⸗ führten wichtigen Werke, daß„der Grund des
neueſten Aufſchwunges des Studiums nur zum kleinſten Teil in einem höheren idealen Flug der Zeit, und ebenſowenig in den Natur⸗ wiſſenſchaften wie in der Theologie in größerem wiſſenſchaftlichem Streben“ zu finden ſei.
Sehen wir uns daher nach anderen, nach materiellen Gründen um.
Hier finden wir, daß das im Laufe unſeres Jahr⸗ hunderts, insbeſondere ſeit der politiſchen Be⸗ wegung im dritten Jahrzehnt immer ſtärkere Verſchwinden der Ständeunterſchiede weſentlich zur allgemeineren Verbreitung des akademiſchen Studiums beigetragen hat. Denn erſt durch die erwähnte, dem Volke größere politiſche Freiheit und Rechte erringende Be⸗ wegung wurde die in manchen deutſchen Staaten noch beſtehende Verordnung aufgehoben, nach welcher nur Söhne ſchriftſäſſiger Väter ſtudieren durften; für Ausnahmefälle mußte höchſten Orts eine ſpezielle Erlaubnis erteilt werden. Die betreffende Verordnung für Heſſen ſtammt vom Jahre 1722 und verbot,„daß Bürger oder Bauern(auch Volkslehrer) oder herrſchaftliche Livrebediente ihre Kinder von den gemeinen Hantierungen ab und zum Studium oder zu dem Stande der ſogen. Honoratiorum erziehen, ſie hätten denn vorher hinlängliche Atteſte von deren Fähigkeiten beigebracht und gnädigſte Einwilligung erhalten“. Auch Preußen, Gotha, Braunſchweig, erließen um jene Zeit ähnliche Verfügungen. Bekanntlich waren vor Zeiten die ſozialen Ver⸗ hältniſſe durch eine ſtrenge ſtändiſche Gliederung beherrſcht, und ſchon durch die Geburt wurde meiſtens einem jeden ſein Platz in dieſer Gliederung angewieſen. Nur ausnahmweiſe war es möglich, den Stand zu ändern und die ſtreng eingehaltenen Grenzen zu überſchreiten. Die empfangene Schul⸗ bildung war für einen ſolchen Wechſel des Standes und Berufes weniger entſcheidend als Bekannt⸗ ſchaft mit hochgeſtellten Herren u. dergl.
Trotz der hierdurch bewirkten bedeutenden Vermehrung der Studierenden und der daraus folgenden Schwierigkeiten wollen wir gewiß nicht


