Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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worben hat. Es iſt meines Erachtens nicht allein für die Unterrichtsverwaltung, ſondern darüber hinaus für unſer geſamtes öffentliches Leben eine der nachteiligſten Thatſachen, daß aus der Unter⸗ ſekunda der Gymnaſien eine Maſſe junger Leute abgehen mit einer Art von Bildung, die kaum als Halbbildung zu bezeichnen iſt. Die jungen Leute haben alle Kategorien von Bildungsſtoffen angeſchnitten, aber abſolut nichts Abgeſchloſſenes, nichts in Händen, was ihnen für das praktiſche Leben nützlich ſein, kaum etwas, was ſie zu er⸗ folgreicher Fortarbeit befähigen könnte. Das, was ſie in den klaſſiſchen Sprachen wiſſen, iſt ſehr wenig, keiner oder kaum einer, der von Unterſekunda abgeht, wird noch einmal den Cäſar oder Livius oder gar einen griechiſchen Autor vornehmen, um ſich daran zu erbauen, oder die Fabeln des Phädrus oder einen leichten Dichter, und was ſie auf dem Gebiete der Mathematik und Naturwiſſenſchaften und in den neueren Sprachen wiſſen, iſt gleichfalls zu gering und zu wenig ſyſtematiſch abgeſchloſſen, um ein ſicheres Fundament für praktiſche Berufsarten zu liefern. Fin junger Mann dagegen, der ein Fjähriges Realprogymnaſium oder eine Tjährige Realſchule oder eine 6jährige höhere Bürgerſchule mit Er⸗ folg zurückgelegt hat, hat in der That an Kennt⸗ niſſen und Fertigkeiten ein Werkzeug, ein Ma⸗ terial erworben, mit dem er im Leben vorwärts ſtreben und arbeiten kann.

Dieſe von ebenſo hoher als berufener Stell e der preußiſchen Unterrichtsverwaltung an ſo wichtigem Orte ausgeſprochenen Anſichten über eine Anderung des von dem größeren Teile der Schüler in den höheren Lehranſtalten befolgten Bildungsganges machen es zur Pflicht eines jeden Schulmannes, nach einem durch Prüfung ge⸗ wonnenen Einverſtändniſſe zur Verbreitung und

Kräften beizutragen. Wir haben uns daher die Aufgabe geſtellt, erſtlich in den folgenden Blättern zu erweiſen, daß wirklich in den beiden letzten Jahrzehnten eine Überproduktion an Abiturienten eingetreten iſt, ferner zu unterſuchen, durch welche Urſachen dieſelbe bewirkt wurde, und zu zeigen, welche Nachteile ſie mit ſich geführt hat; darnach wollen wir unſere Betrachtung auf die noch weit größere Anzahl Schüler ausdehnen, welche nach erfolgloſem Beſuch aus den mittleren und unteren Klaſſen der höheren Lehranſtalten austreten, und dabei erwägen, wodurch dieſe Erſcheinung herbei⸗ geführt und welche bedenklichen ſozialen Ver⸗ hältniſſe für unſer Volk daraus erwachſen ſind. Sodann werden wir uns zu den Mitteln wenden, welche zur Beſeitigung der beregten Übelſtände bis jetzt von verſchiedenen Seiten vorgeſchlagen ſind. Endlich werden wir deren Erfolgloſigkeit bezw. Unausfuhrbarkeit konſtatieren, einen andern Weg zur Abhülfe vorſchlagen und deſſen mögliche Ausführung nachweiſen.

Da unſere Darſtellung als Programm unſerer Anſtalt für deren Goͤnner und Freunde, namentlich für die Eltern unſerer Schüler beſtimmt iſt, ſo wird thunlichſte Kürze und Beſchränkung auf die weſentlichſten Punkte wünſchenswert erſcheinen.

Die große Zunahme der Abiturienten und mit ihr die Vermehrung der Studierenden iſt ja den Bewohnern Marburgs in den letzten Jahren bei der hieſ. Univerſität hinlänglich bekannt ge⸗ worden. Leicht könnte aber die Anſicht aufkommen, als ob Marburg ſo ganz beſonders frequent geworden und ſolches bei den anderen Hochſchulen Deutſchlands nicht der Fall geweſen ſei. Die ſtatiſtiſchen Erhebungen belehren uns jedoch, daß auf allen deutſchen Univerſitäten eine ganz ab⸗ norme Zunahme der Studierenden in den letzten beiden Dezennien, wie folgende Zuſammenſtellung*)

Verwirklichung der ausgeſprochenen Ideen nach zeigt, ſtattgefunden hat.

Jahr. Ai ſädnlahen wrlie Malloren nitirir 6 ſharf uſchen Lonigem nia ſait Univerſitäten. kommen. Univerſitäten. kommen. Univerſitäten. Univerſitäten. Straßvurg. 1884 13248 33,8 5908 30,7 4150 3190 1864 13592 33,5 6193 31,1 3854 3545 18 1 16112 38,0 6252 29,8 4230 5043 587 18=§8 19553 43,7 7892 35,5 5090 5858 713 1888 23357 51,0 9788 43,0 6222 6542 805 1833 24187 52,5 10384 45,5 6287 6688 828

*) AusDas Univerſitätsſtudium in Deutſchland, von Prof. Conrad entnommen.