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Turmbau zu Babel), das wir wohl in seinen einzelnen Entwicklungsab- schnitten verfolgen können, bei dem aber gerade die kulturellen Fragen naturgemäss vor den religiösen zurücktreten müssen. Aber auch die Schriftsteller, mit denen sich die Schulen beschäftigen, seien es griechische oder römische, führen durchgängig Völker vor, die in hoher und höchster Blüte stehen und den Gedanken an tiefere Stufen des menschlichen Daseins kaum aufkommen lassen. Zum ersten Male taucht bei der Lektüre von Cäsars gallischem Kriege eine Ahnung in dem Schüler auf, dass er es hier mit einem tiefer stehenden Volke zu tun hat, das seinen germanischen Vätern etwas verwandt erscheint; aber sein Interesse wendet sich dem römischen Volke zu, dessen Waffenerfolge ihn begeistern. Und dann ziehen die bunten Bilder, die Tacitus vor dem staunenden Auge entrollt, an dem Geiste des Primaners vorüber: Die furchtbaren Wälder und Sümpfe Deutschlands, die wilde Kultur seiner Bewohner und die elende Lage des Germanenvolkes; auch hier muss er durch die Brille des Römers sehen, der noch dazu von einem eigenartigen, durch sein Verhältnis zu Kaiser, Volk und Partei begrün- deten Standpunkte aus seine Schilderungen giebt. Da ist es wohl kein Wunder, wenn sich das Bild in den Augen des Schülers sehr zu Un- gunsten der deutschen Heimat verschiebt.
Auch der deutsche Unterricht kommt in der Behandlung der germanischen Mythologie(Der Nibelungen Not, Klopstocks Oden) nahe genug an die Frage nach den Zuständen des Landes und Volkes heran, dessen Götterkultus besprochen wird; aber diesen letzten Schritt tut er nicht und lässt so die Kluft unüberbrückt, die hier gähnt, während Homer auch in dieser Beziehung vorbildlich sein sollte. Bei diesem sehen wir nicht nur die vielen menschlichen Züge, die den Göttern an- haften, sondern wir leben vor allem mit den Menschen und unter ihnen, lernen ihre Sitten und Gebräuche, ihre Länder und Häuser, ihre Werk- zeuge und Waffen kennen. Aber freilich, das ist auch ein Schrittsteller, der uns etwas Fertiges in die Hand drückt, während wir für unsre Hei- mat erst alles mühsam zusammensuchen müssen, was sich auf ihre vor- geschichtliche Vergangenheit bezieht Es ist deshalb äusserst wünschens- wert, wenn die Schülerbibliotheken mit entsprechender Lektüre ausge- stattet werden, wie es z. B. durch das Buch von Weinland»Rulaman,
naturgeschichtliche Erzählung aus der Zeit des Höhlenmenschen und des Höhlenbären« für die Nach-Eiszeit geschieht. Siehe ferner: Zingeler, »Hohenzollern. Bilder aus der Gegenwart und der Vergangenheit der Stammlande des deutschen Kaiserhauses. 1897.⸗ Solange aber dieser Mangel noch nicht durch passende Bücher beseitigt werden kann, ist es nötig, dass bei allen Unterrichtsfächern mõöglichst Gelegenheit genommen


