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und Vorstellungen, deren Wert durch ihr Fort- bestehen in unserer modernen Bildung bezeugt wird.
Nicht minder kommt die persönliche Teilnahme, das sympathetische Interesse, zu seinem Recht. Dafür sind die Menschen, die auftreten, in hohem Masse lebenswahr und lebenswarm. Viele sind Helden; der eine erregt unsere Be- wunderung als Genie durch seine Taten und Erfolge, der andere als Charakter durch opferwilliges Dulden und Leiden. Zahlreich sind die Männer, die durch ihre Bürgertugenden vorbildlich und mustergültig sind. Es wird nicht lange dauern, und die Schüler fühlen sich— jeder nach seinem Geschmack— zu der einen oder anderen der auftretenden Persönlichkeiten in ein geistiges Umgangsverhältnis versetzt, in dem sie gerne verweilen, weil sie mit gemütvoller Teilnahme alle Lebens- äusserungen ihres Lieblings zu verfolgen und in sich mit- zuerleben das Bedürfnis haben.
Dieser Vorgang in der Seele des jungen Mannes übt aber auf die Ausbildung des Willens eine vorzügliche Wirkung aus; sie besteht in der Entstehung des Vorsatzes, in ähnlicher Lage ein gleiches Mass von Düchtigkeit, d. h. Selbstbeherrschung an den Tag zu legen. Die Erziehung des Willens aber ist das beste Mittel zur Erzielung der Charakterstärke; Novalis sagt mit Recht, dass ein Charakter ein voll- kommen gebildeter Wille ist.
Andererseits ist aber auch das Studium verwerflicher Charaktere nicht unlohnend. Die Betrachtung bedauerlicher Verblendung mit ihren unausbleiblichen schlimmen Folgen kann ebenfalls durch die abschreckende Wirkung für die Erziehung recht wertvoll sein.
Und nun gar das sittlich-religiöse Interesse! Welche Bereicherung wird erst ihm zuteil! Vor allem war Herodot selbst ein tiefreligiöser Mann. Der Glaube an eine sittliche Weltordnung stand bei dieser reichbegabten und edelsinnigen Natur felsenfest, er ist der gute Geist, der über dem mannigfaltigen und umfangreichen Stoff des vielgegliederten, aber einheitlichen Werkes schwebt und der den besseren Teil unseres Wesens mächtig anzieht. Sein sittlicher Lebensernst macht unseren Schriftsteller berufen, Geschichte zu lehren hauptsächlich in dem Sinne, dass er die Menschen ermahnt, in der Weltgeschichte das Wirken einer göttlichen Kraft zu fühlen, die den Urheber von Unrecht und Gewalttätigkeit unter allen Umständen zur Rechenschaft zieht. Die ganze Geschichte ist nach seiner Ansicht das Ergebnis einer göttlichen Welt- ordnung, welche die Geschicke der Völker leitet. Deswegen zieht sich auch durch das ganze Geschichtswerk Ilerodots


