Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 2. Teil
Entstehung
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das Bestreben, in dem Leben der Völker, wie der einzelnen Menschen das göttliche Walten nachzuweisen und die Welt- geschichte als einen Ausfluss des göttlichen Geistes in seiner Allmacht und Gerechtigkeit darzustellen. Der Mensch in seiner beschränkten Sphäre steht in einem ganz bestimmten Abhängigkeitsverhältnis zur Gottheit. Die Erkenntnis der Hinfälligkeit alles Irdischen ist Hauptgegenstand menschlicher Weisheit. Wohl dem, der diese Einfalt der Gesinnung besitzt. Wer in verblendeter Selbstüberhebung die der menschlichen Kraft und dem menschlichen Glück gesetzte Schranke über- schreiten will, der erlebt früher oder später bittere Enttäuschung. Aber dem frischen Wagemut kraftvoller Besonnenheit steht die Welt mit ihren unzähligen Zielen offen.

Abgesehen von dieser didaktisch wertvollen Weltanschauung ist das Herodotische Geschichtswerk besonders in seinen eingeflochtenen Reden und Gesprächen eine wahre Fundgrube für goldene Sprüche der Lebensweisheit und praktischen Philosophie. Sie machen um so mehr Eindruck, als sie uns zum grössten Teil im Zusammenhang der Darstellung nach ihrem inneren Wert in angewandter Form als erprobt und bewährt vorgeführt werden.

Die Lektüre von Herodots Darstellung des griechischen Freiheitskampfes versetzt uns in eine ungemein stürmische, tief bewegte, wild aufgeregte Zeit. Die gebildete Welt zitterte vor der drohenden Gefahr der Vernichtung, die Erde dröhnte von dem Anmarsch barbarischer Scharen. Das war keine Zeit für ein selbstzufriedenes, zurückgezogenes, individuelles Still- leben, nein, an alle trat die unabweisbare Forderung, sich als Glied eines grossen Ganzen zu fühlen, das Stellung nehmen muss zu der Sache, welche die Welt beschäftigt, und Opfer bringen muss für den Staat und das gemeinsame Volkstum.

Diesittlichen Forderungen des Gemeinschafts- lebens, die sich niemals entschiedener geltend machen, als in der Zeit schwerer gemeinsamer Not, zeitigten auch in den Perserkriegen auf griechischer Seite köstliche Früchte der Vaterlandsliebe und jeglicher Art von Opferwilligkeit, auf die jedes Zeitalter und jedes Volk mit Recht stolz sein dürfte. Es unterliegt mithin keinem Zweifel, dass die Herodotlektüre auch nach dieser Seite hin, nämlich in Bezug auf Befriedigung des sozialen Interesses, allen billigen Anforderungen genügt.

Kein Wunder also, dass selbst die Modernsten ¹) unter

¹) Sogar in der Frauenliteratur unserer THe wird Herodot mit

den höchsten Lobsprüchen gefeiert. Vgl. u.Die Gesundheit im Haus von Frau H. B. Lehmann, Dr. med. S. 132 kk.