Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 2. Teil
Entstehung
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Gerüchtes selbst zweifeln wir nämlich nicht, nur ist es anders zu erklären. Entwederhat der kühne und verwegene König in der Stunde der Entscheidung die wunderbare Nachricht von dem Siege in Böotien und das Götterzeichen, das ihn den an- greifenden Mannschaften bestätigen sollte, fingiert, wie so oft ähnliche kühne Fiktionen den Gang der Schlachten im ent- scheidenden Augenblick wesentlich bestimmt haben, oder, wofür es ja auch nicht an Analogien fehlt, die Nachricht von der Schlacht und dem Götterzeichen ist in der Aufregung der herannahenden Entscheidung gleichsam spontan unter den Truppen entstanden. ¹)

Kap. 102 104 handeln erst von der eigentlichen Schlacht. Im Gegensatz zu fast allen anderen Schlachtenberichten Herodots zeichnet sich diese Darstellung dadurch aus, dass wir uns mit dem Gebotenen ein vollständig klares Bild über den Verlauf des ganzen Waffenganges wenigstens in seinen Hauptzügen machen können.

Zunächst bedürfen die örtlichen Verhältnisse und die Aufstellung der beiderseitigen Streitkräfte einer kurzen Klar- legung. Der ganze Vorgang spielte sich an der Südseite des Vorgebirges ab. Der Gaison, ein Küstenbach, an den sich das stark verschanzte Schiffslager der Perser wie an einen natürlichen Schutzgraben anlehnte, floss von Osten nach Westen. An seiner Mündung wird der Ort Skolopoeis zu suchen sein. In der Nähe des Giessbaches dürfen wir auch das Heiligtum der eleusinischen Demeter suchen.

Das Landheer der Perser stand zur Deckung des Schiffs- lagers an der Küste und erwartete an dieser Stelle den Angriff. Die Griechen landeten aber mehr östlich vom feindlichen Lager. Ebenso muss von dieser Richtung her, von Osten, der Anmarsch und Angriff der Hellenen erfolgt sein. Auch dies ersieht man teils direkt, teils indirekt aus den Angaben Herodots. Denn die Athener mit ihren Kontingenten, etwa die Hälfte des ganzen Heeres, marschierten längs der Küste und über ebenes Land(102). Wenn man dies festhält und ausserdem bedenkt, dass die Athener und es ist kein hin- reichender Grund vorhanden, dies irgendwie zu bezweifeln wie gewöhnlich den linken Flügel führten und die Lakedämonier den rechten, so ergibt sich mit Notwendigkeit, dass die Hellenen beim Angriff von Osten herkamen. Den Aufbau dieses Schlusses lasse man die Schüler unter entsprechender Anleitung selbst finden und bilden.

Um zu verstehen, wie sich die Schlacht entwickelt hat,

¹) Vgl. Nitzsch: Ueber Herodots Quellen für die Geschichte der Perserkriege, im Rhein. Mus. 27(1872) S. 264.

K. 102 104.