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die Jonier zum Abfall auf, er plant den Angriff auf die stark verschanzten Perser. Der Grund wird wohl der sein, dass die Athener bei dem ganzen Unternehmen nach Osten nur mit halbem Herzen sind, weil Mardonius noch in Böotien steht. Die Spartaner dagegen fühlen sich aus naheliegenden Gründen nicht so unmittelbar bedroht. Die Sorge um die Brüder in der Heimat, der Gedanke, ob und wie der Würfel in Böotien gefallen sei, liegt drückend auf den Gemütern der leidgeprüften Söhne Griechenlands und bewirkt, dass die Gefühle nichts weniger als ungeteilt sind. Namentlich mögen wohl die Athener bei aller Einsicht für ihre augenblicklichen Pflichten unter dieser quälenden Sorge gelitten haben. Als nun enqdlich gute Nachricht über die Lage der Dinge in Böotien angeblich eintrifft, da wird das Gemüt der Krieger frei, die Stimmung geschlossen, und ohne irgendwelche innere Störung können sie sich der Lösung ihrer Aufgabe hingeben. Der Umschlag ist merkwürdig und von der günstigsten Wirkung begleitet. Herodot nimmt deswegen auch zweimal Veranlassung, diese Wandelung festzustellen(Kap. 100 und 101). Erst die Gewiss- heit, über den Verlauf des böotischen Krieges beruhigt sein zu können, macht den Hellenen das Herz leicht und lässt auch die für den bevorstehenden Kampf ausgesetzten Güter(101: die Inseln und der Hellespont lagen als Kampfpreis vor ihnen) in ihren Augen zur rechten Geltung kommen.
Wie aber kam die Nachricht vom Siege bei Platää an Joniens Strand, fand doch die Schlacht in Böotien angeblich am Vormittag desselben Tages statt?
Die Art und Weise, wie sich Herodot mit dieser Frage abfindet, ist sehr bezeichnend für seine Anschauungen über das Verhältnis der Gottheit zu den Menschen und deren Tun und Lassen. Er teilt einfach mit, das ersehnte Gerücht sei auf einmal dagewesen. Zu seiner Bestätigung habe man einen Heroldsstab auf dem feuchten Küstensande liegen sehen. Wie ein Lauffeuer habe es sich durch die Reihen der griechischen Streiter verbreitet, überallhin freudige Aufregung und Zuversicht tragend. Die götiliche Einwirkung auf das Tun der Menschen offenbare sich eben durch gar mancherlei Zeichen. Hier nimmt er also in seinem frommen Sinne unmittelbares Eingreifen der Götter an, die dem Laufe der Völkergeschichte nach sittlichem Ermessen' eine bestimmte Gestaltung geben wollen.
Es ist erbaulich für das jugendliche Gemüt, auch an dieser Stelle wieder die Aeusserung einer religiös-sittlichen Auffassung von starkem Bildungsgehalt wahrzunehmen, wenn auch die Veranlassung dazu, wie sie der Schriftsteller annimmt, uns nicht die richtige zu sein scheint. An dem Auftreten des


