Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 2. Teil
Entstehung
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Es wäre eine lohnende Aufgabefür den Historien- maler, den bedeutungsvollen Augenblick im Bilde wieder- zugeben, wo sich Themistokles und Aristides, Gegner in der inneren und äusseren Politik Athens, die Hände reichen zum edlen Wettstreit darüber, wer nunmehr dem Vaterland am meisten nützen könne.

Die fragliche Scene lässt die Erinnerung an den Rangstreit des Titus Pulio und Lucius Vorenus(Caes. bell. gall. V, 44) wieder wach werden. Wenn auch hier das persönliche Interesse mitspielt, so finden wir doch in dem Wettbewerb auf dem Gebiete des Guten und Ehrenvollen einen gemeinsamen Zug. Ein grosser Unterschied liegt freilich in der Bedeutsamkeit der Persönlichkeiten.

Aus dem Auftreten des Aristides heben wir auch folgenden, für das allgemeine, gesellschaftliche Leben bemerkens- werten Zug hervor. Wenn zwei hervorragende Männer, die auf irgend einem Gebiet des öffentlichen Lebens oder gar auf dem grossen Welttheater erklärte Gegner waren, von denen aber der eine endgültig unterlegen ist, nach langer Zeit zum erstenmal wieder in persönliche Berührung kommen, so ver- ursacht, selbst wenn das Zusammenkommen nicht zufällig ist, die richtige Wahl der das Gespräch einleitenden Worte mit⸗ unter gewisse Schwierigkeiten.(Vgl. die seit der Entscheidung bei Sadowa erste Begegnung des Kaisers Wilhelm und des Kaisers Franz Josef von Oesterreich, die am 11. August 1871 in Ischl stattgefunden hat.) Wenn das wahr ist, dann muss man den feinen und unbefangenen Sinn des Aristides bewundern, der die Vergangenheit durchaus nicht verleugnet, damit geschickt eine captatio benevolentiae ver- bindet, um sofort zur Sache zu kommen. Dass freilich auch die Grösse der gemeinsamen Bedrängnis dem Aristides die Initiative erleichterte und den Meinungsaustausch rascher in Fluss kommen liess, deutet Herodot selbst an.

Um den Schüler in das Verständnis der Situation noch tiefer eindringen zu lassen, lege man ihm die Frage vor, warum Aristides nicht sofort selbst in den Kriegsrat gegangen sei, sondern den Themistokles habe herausrufen lassen und warum gerade ihn. Ebenso lasse man die Schüler sich darüber aussprechen, welche Gefühle wohl der Gesichtsausdruck des Aristides und seine ganze Haltung verraten habe.(Tiefen Ernst, schwere Sorge, heiligen Eifer; vgl. m. m. imletzten A ufg ebot Defreggers den gr eisen Führer im Vordergrund.)

Dass Herodot für Aristides im Gegensatz zu Themistokles viel persönliche Neigung hat, geht aus Kap. 79 ebenfalls hervor. Im Kap. 95 wird daraut Bezug genommen werden