Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 2. Teil
Entstehung
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Uebel zu retten. Aristides und Themistokles sind die Träger der Handlung. Unsere Teilnahme gewinnt Aristides. Die Liebe überwindet alles. Er hegt keinen Groll gegen das Vaterland, das ihm den Aufenthalt in seinen Grenzen vor zwei Jahren untersagt und ihn so empfindlich verletzt hat. Wie ein edelmütiger Sohn trotz harter und ungerechter Behandlung durch seine Mutter im Herzen die Liebe zu ihr doch nicht verliert, sondern ihr verzeiht, so vergisst auch hier Aristides die erlittene Demütigung und stellt in der Stunde der Gefahr der Volksgemeinde seine Kräfte zur Verfügung.

Für diesen ethischen Gehalt der Handlung finden sich in den meisten übrigen Lehrstoffen der Klasse Parallelen. Denn was uns hier an Aristides so sympathisch berührt, ist weiter nichts, als was der Römer pietas nennt, d. h. die alle Verhält- nisse des Lebens durchdringende Treue, hier die Treue zum Vaterland.

Zahlreich sind von diesem Gebiete aus die Beziehungen zum Geschichtspensum der Klasse, ebenso zu Livius, Homer und Vergil, von hier führt dann der Weg zur deutschen Lektüre, denn in dem Nibelungenlied und in der Gudrun, in den Gedichten Walthers von der Vogelweide, in Hermann und Dorothea, überall spielt der Begriff der Treue eine hervorragende Rolle. Man kann sagen, dass die ganze Lektüre in Obersekunda ein hohes Lied auf die Treue in ihren verschiedensten Gestalten ist.

Besonders lehrreich ist es, die Handlungsweise des Aristides mit derjenigen des Hippias unddes Demarat 2u vergleichen, ebenso sein Charakterbild im Lichte römischer Auf- fassung zu betrachten. Coriolan und Camillus müssten wir hier zum Vergleich heranziehen. Die pietas gegen das Vaterland ging dem Römer über alles. Die Liebe zu den Angehörigen der Familie musste vor ihr zurücktreten. Interessant ist, wie verschieden die römische Geschichtssage nach diesem Grundsatz jene beiden Männer behandelt hat. Weil seine pietas gegen die Verwandten grösser war, als die gegen das Yater- land, musste Coriolan zur Beruhigung des römischen Gewissens in der Verbannung elend umkommen. Bei Camillus aber, der, wiewohl gekränkt und geächtet, in seiner Liebe zum Vaterland nicht nachliess, sondern in der äussersten Not als Retter erschien, verlangte es die dramatische Gerechtigkeit, dass er ein ruhmreiches Ende nahm. So würde also auch Aristides im Geiste altrömischen Empfindens und Denkens als leuchtendes Beispiel echter pietas gefeiert worden sein.