— 22—
den Entschluss der Griechen, bei Salamis den Austrag zu wagen, als sicheren diplomatischen Erfolg des Themistokles verzeichnen zu können glaubten, sehen wir uns hier dennoch getäuscht. Alle Kunst der Ueberredung hat nichts geholfen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Peloponnesier ihren Willen bei Eurybiades schliesslich doch durchsetzen werden. Und das wäre nach der Ueberzeugung des Themistokles der Anfang vom Ende. Das Wort:„Hellas wird durch seinen Unverstand zu grunde gehen“(57), würde sich erfüllen. Weil aber Themistokles für den Fall, dass man den Kampf wagt, an einem guten Ausgang nicht im geringsten zweifelt, glaubt er die Verantwortung für einen Schritt übernehmen zu können, der die Bewunderung aller Zeiten verdient. Er greift zum äussersten; den Griechen soll durch eine ausserordentliche Massregel die Rettung aufgezwungen werden. Dazu gehört freilich auch ein aussergewöhnlicher Geist. Ein solcher ist aber in Themistokles glücklicher Weise vorhanden. Grosse Zeiten bringen auch grosse Männer hervor. Auch Themistokles kann mit Recht wie Odysseus ein Polymetis genannt werden. Wer wagt, gewinnt die Welt, und das Gewagteste wird ver- ziehen, wenn es glückt.
Es wird eine dankbare Aufgabe für die Schüler sein, den Inhalt der Meldung des Sikinnus auf seinen Gehalt an Wahrheit und Dichtung zu untersuchen. Man hüte sich aber, bei der sachlichen Beurteilung zu weit zu gehen und die Handlung vom Richterstuhl der strengen Moral aus zu behandeln. Es darf nicht vergessen werden, dass es sich um eine Kriegs- list handelt. Ein Feldherr, der sich nicht grundsätzlich auf den Standpunkt des Cotta stellt(Caes. bell. gall. V, 28, quid esse levius aut turpius, quam auctore hoste de summis rebus capere consilium) darf sich nicht beklagen, wenn er hinter das Licht geführt wird. Das Werkzeug des Themistokles ist Sikinnus, der Erzieher seiner Kinder. Er übernimmt in entscheidender Stunde die Ausführung eines hochwichtigen Auftrages, von dem alles abhängt. Gross muss die Gewandt- heit und Klugheit dieses Mannes, unerschütterlich seine Treue und Zuverlässigkeit gewesen sein. Wie leicht hätte es geschehen können, dass er, berückt von der hohen Ehre seiner Sendung, durch eine leise Andeutung den Griechen die List verriet, oder dass er einer etwaigen Versuchung, die von persischer Seite an ihn herantrat, nicht stand hielt und den Grosskönig auf die gestellte Falle aufmerksam machte! So nimmt der als pflicht- treuer Vertrauensmann in einem das Schicksal des Vaterlandes entscheidenden Vorgang unsere höchste Bewunderung in An- spruch.(Vgl. den Eilboten Phidippides vor der Schlacht


