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und Wasser erschütterte(64, vgl. die Schlacht am Trasimenischen See, Liv. XXII. 5), haben wir dann nicht ganz die Lage und Stimmung, auf welche die unmutsvollen Worte Theodor Körners passen, mit denen er seinen Groll aussprach, als die vereinigten Heere im Jahre 1813 über die Elbe zurück- gingen? Können wir diese Worte nicht auch dem Themistokles in den Mund legen und ihn seinen Landsleuten zurufen lassen?
„Was zieht Ihr die Stirne finster und graus?
„Was starrt Ihr wild in die Nacht hinaus,
„Ihr freien, Ihr männlichen Seelen?
„Jetzt heult der Sturm, jetzt braust das Meer,
„Jetzt zittert das Erdreich um uns her;
„Wir wollen uns die Not nicht verhehlen.“
Eine vergleichende Nebeneinanderstellung der Haupt- personen im Griechischen Schiffslager ist auch nach einer anderen Seite sehr lohnend. In der Mitte steht Eurybiades, auf der einen Seite Themistokles,¹) auf der anderen Adimantus. Die beiden letzten vertreten mit der grössten Entschiedenheit und Schärfe durchaus entgegengesetzte Ansichten. Themistokles imponiert auch hier durch Würde, Selbstheherrschung, Gewandt- heit, politischen Scharfblick, überhaupt durch die überlegene Macht seiner Persönlichkeit. Den hohen Flug seines Geistes kann ihm ein Adimantus nicht nachtun. Den Mut zur Bekundung seines Standpunktes einem Themistokles gegenüber schöpft er nur aus dem Bewusstsein, dass alle Peloponnesier auf seiner Seite stehen. Nirgends fühlt sich eben die Mittel- mässigkeit weicher gebettet, als im Schosse von Majoritäten. Adimantus ist partikularistisch gesinnt, zeigt sich kleinlich, zänkisch, gehässig, verletzend. Ist Themistokles im fraglichen Falle ein Xenophon(Anab. III. 1, 26 ff.), so erinnert Adimantus an Apollonides; ist Themistokles hier ein Odysseus, dann Adimantus hinsichtlich seiner Schmähsucht eher ein Thersites. Immerhin verficht aber Adimantus bei aller Beschränktheit seines Blickes und relativen Bedeutungslosigkeit seiner Persönlichkeit seine Ansicht, wenn auch laut polternd, so doch standhaft und entschieden. Und dies ist der Grund, dass er wenigstens bei einer Partei, den Peloponnesiern, etwas gilt. Anders verhält es sich mit
¹) Ob die Verhandlungen zwischen Themistokles und Adimantus in der Form, wie sie Herodot mitteilt, völlig historisch sind, oder aber, ob wir hier auch mit attischer Phantasie zu rechnen haben, auf diese Frage lassen wir uns in der Schule nicht ein. Zwingende Gründe für das Gegenteil sind nicht vorhanden. Wir nehmen das Bild, wie es uns der Schriftsteller bietet, und lassen es auf uns wirken, gerade wie bei der Betrachtung von Werken der Plastik oder der Malerei. Auch da soll bekanntlich die Jugend herzlich geniessen, aber nur nicht kritisieren (vgl. Alfred Lichtwark, Uebungen in der Betrachtung von Kunstwerken).


