Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 2. Teil
Entstehung
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eben die Macht der Ueberzeugung, die in einer hochwichtigen Sache mit unwiderstehlicher, geradezu elementarer Gewalt sich Durchbruch erringen und unter allen Umständen Geltung ver- schaffen will. Der Gedanke, dass die günstige Gelegenheit in so verlockender Gestalt wohl nie mehr kommen werde (Begriff des irreparabiletempus, Verg. Aen. X. 467), beflügelt des Themistokles Schritte und spornt seine Tatkraft zur höchsten Leistungsfähigkeit an.

Der Sachlage durchaus angemessen und äusserst wirkungs- voll ist der Gedanke, den Themistokles bei der abermaligen Zurückweisung des vvorlauten Adimantus verwertet: Was heisse Stadt? Nicht wo die Mauern und Häuser ständen, sei die Stadt, sondern wo sich die wehrhaften und streitbaren Mäünner befänden. In diesem hier nur zutreffenden Sinne sei Athen, wiewohl in Trümmern liegend, eine grössere und mächtigere Stadt, als jede andere in Griechenland. Auch bei Aeschylus finden wir diese Auffassung vertreten. Atossa fragt:So steht Athen noch? Ist es unbezwinglich gar? Der Bote antwortet ausweichend, die Stadt sei allerdings unzerstörbar, insofern sie aus echten Männern(nicht aus Steinen und Mauern) bestehe.Die Männer leben, für die Stadt ein sich'rer Wall. Noch bestimmteren Ausdruck gibt diesem Gedanken Nikias in seiner letzten Rede(Thuk. VII., 7): Die Männer sind der Staat und nicht die Mauern oder die leeren Schiffe. Die hier in Rede stehende Vorstellung ist dem Schüler übrigens schon aus dem früheren Unterricht bekannt, wenn erHabsburgs Mauern von Simrock kennen gelernt hat.

So schütze Habsburg fort und fort Lebend'ger Mauern starker Hort.

Die Drohung des Themistokles, im Weigerungsfalle in ltalien ein neues Athen zu gründen(62), erinnert lebhaft an Liv. XXII, 53, wo unmittelbar nach der Schlacht bei Cannae die in Canusium versammelten, an der Zukunft Roms ver- zweifelnden Aristokraten den Beschluss fassen, Italien zu verlassen und bei einem auswärtigen Könige Zuflucht zu suchen. In einer Beziehung spielen Scipio und Themistokles gerade die umgekehrten Rollen. Die Bezeichnung, die Livius dem Scipio gibt,fatalis dux huiusce belli, passt nicht minder auf Themistokles.

In furchtbarer Aufregung muss die griechische Flotte gewesen sein. Welcher Kampf zwischen Wollen und Verzagen, zwischen Aufraffen und Erlahmen! Und wenn man noch hinzu- nimmt, dass selbst die Natur nicht teilnahmlos bleiben zu wollen schien, insofern damals ein gewaltiges Erdbeben Land