Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 2. Teil
Entstehung
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war auch Aristides.) Mit derselben Grossherzigkeit geht der römische Senat dem unglücklichen Varro bis an das Stadttor entgegen und wünscht ihm Glück, dass er an der Rettung des Vaterlandes nicht verzweifelt habe.(Liv. XXII, 61).Dies waren weder leere Reden, um mit grossen Worten das Unheil zu verhüllen, noch bitterer Spott über einen Armseligen; es war der Friedensschluss zwischen dem Regiment und den Regierten. ¹)

Die Besetzung der Stadt und die Einnahme der Akropolis erinnert in vielen Einzelheiten an die Besitzergreifung Roms durch die Gallier und an deren Versuch, das Kapitol zu erobern. Ja sogar das angebliche Auftreten des Camillus lässt sich bis zu einem gewissen Grade mit der Rolle vergleichen, die Aristides bald darauf spielt.

Nicht ohne innige Teilnahme verfolgen wir das Verhalten der wenigen, welche die Akropolis verteidigen. In kindlicher Einfalt halten sie fest an ihrer Auslegung des Orakelspruches, und im Glauben an die Macht der Verheissung sehen sie furchtlos und treu der nächsten Zukunft entgegen.

Dass Xerxes mit seinem gewaltigen Heere der kleinen Burgbesatzung gegenüber längere Zeit geradezu machtlos war, so dass alles in peinliche Verlegenheit geriet, entbehrt nicht eines gewissen komischen Zuges. Ferner erblicken wir in der Tatsache, dass die Vorschläge der Pisistratiden zum Zwecke einer Kapitulation abschlägig beschieden wurden, eine be- schämende Demütigung für jene; wie muss diese Treue den Pisistratiden innerlich imponiert haben!

Das endgültige Schicksal der Unglücklichen, soweit sie sich die Burg hinabstürzen, ist demjenigen der saguntinischen primores(Liv. XXI, 14) ähnlich, dem der unglücklichen Taocher(Nen. An. IV, 7, 13) gleich. Auch für die Art der Verteidigung finden wir bei den Taochern ein Seitenstück.

Der andere Teil der Besatzung, der sich in den inneren Tempelraum flüchtete, wurde erbarmungslos niedergemetzelt. Diese Tat ist sehr bezeichnend für den rohen Fanatismus des Xerxes.

Sehen wir nun, wie sich mit der rasch steigenden Hand- lung auch der Charakter der Hauptperson auf persischer Seite immer mehr offenbart, so müssen wir sagen, dass wir auf einem Höhepunkt angekommen sind. Denn in der Einäscherung der Tempel und Götterbilder, die keine Scheu vor der Gottheit kennt, hat die Hybris des Xerxes sich ganz ausgelebt. Die Lage erinnert an Hom. Od. XX, wo mit der Verhöhnung der

¹) Mommsen, röm. Gesch. IJ. S. 609.