Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 2. Teil
Entstehung
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fürchten, dass wir in absehbarer Zeit etwas Aehnliches erleben müssten, dürfen aber nicht vergessen, dass unseren Vorfahren derartige Erlebnisse nicht erspart blieben. Wie also einerseits der patriotische Geist durch solche Betrachtungen gefördert wird, so lässt sich andererseits nicht leugnen, dass auch der Gemeinsinn, das soziale Interesse Bereicherung erfährt. Denn wenn wir fremdes Unglück betrachten, verstehen und nachempfinden, so werden wir uns der Notwendigkeit der Hülfeleistung, also einer sittlichen Forderung des Gemeinschafts- lebens, bewusst.

Geben ist Sache des Reichen hHeisst es in GoethesHermann und Dorothea, einem Epos, dessen Ausgangspunkt sich gerade hier vortrefflich zum Vergleich heranziehen lässt. Oder befinden sich die armen Vertriebenen nicht etwa in ähnlicher Lage, wie die athenischen Flüchtlinge? Können wir mutatis mutandis die stimmungsvollen Einzel- bilder im Zuge der Vertriebenen nicht auch auf die Flucht der Athener übertragen? Auch in der sonstigen Lektüre der Ober- sekunda finden sich Stütz- und Anhaltspunkte. Schnell wird gar mancher Schüler bei der Hand sein, auf die Flucht des pius Aeneas samt seinen Getreuen aus Troja(Verg. Aen. II.) hinzuweisen, in der besonders eine Scene ergreifend ist. Schliesslich sei noch erwähnt, dass die Tatsache der Preisgabe der Stadt Athen selbst in dem Verfahren der Russen mit Moskau eine wirksame Parallele findet.(Xerxes auf der Akropolis Napoleon auf dem Kreml.)

Ausserordentliche Zeiten erheischen ausserordentliche Massregeln. So wurde damals der Areopag mit ausser- gewöhnlichen Vollmachten ausgerüstet. Er entwickelte eine höchstrühmliche Tätigkeit zur Linderung der Not und Ver- wirrung. Sein Ansehen bei der Bevölkerung wuchs ausser- ordentlich(Plut. Them. 10; Aristot. Polit. p. 1304 a ed. Imm. Bekk. und Pol. Athen. 23, 1). Ein Seitenstück dazu, das unwillkürlich in die Erinnerung tritt, ist die ungebeugte und kraftvolle Haltung des römischen Senates nach dem Unglück bei Cannä. Auch er stand wie ein Fels da, als alles ins Wanken kam und aus den Fugen zu gehen drohte(Liv. XXII., 55 u. 57).

In noch anderer Hinsicht bieten beide Situationen Aehnlichkeiten. In der Zeit der Not und Trübsal verstummt der Hader und die Zwietracht. Die Versöhnlichkeit kommt zur Herrschaft. Der Mensch sucht Halt und Anschluss, nicht Trennung und Spaltung. Aus dieser psychologischen Erkenntnis heraus finden wir es begreiflich, dass ein Volksbeschluss in Athen allen Verbannten die Rückkehr gestattete.(Unter ihnen