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Gewiss wäre es ein aussichtsloses Unternehmen gewesen, Stadt und Burg verteidigen zu wollen, aber diese Erwägung allein war nicht ausschlaggebend. Vielmehr waren alle Ge- müter von dem lebhaften Gefühl durchdrungen, dass die waffenfähige Mannschaft Athens bei der bevorstehenden Ent- scheidung im Gesamtheer der Griechen nicht fehlen dürfe. „»Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre“ und„Welches Volk sich selbstempfunden, ward vom Feind nie überwunden“. Man bedenke, wie ungern der Mensch Haus und Hof verlässt, besonders wenn ein Wiedersehen so ungewiss ist. Welche Bildung setzt es voraus und zugleich welche Selbstbeherrschung, die das Herz schweigen heisst und nur den Verstand reden lässt, wenn das athenische Volk bei all den Bildern des Jammers und Elends in der Preisgabe der Stadt noch das geringere Uebel sehen kann! Athen hatte den Mut, der trost- losen Lage starkmütig ins Auge zu sehen. Hoch und Niedrig, Ritter und Bauer, Matrose und Handwerker wetteiferten im Dienste für das Gemeinwesen. Weiber, Kinder, Greise, Knechte und die bewegliche Habe wurden auf benachbarte Plätze gebracht. Die Männer eilten zur Flotte, dem ungewissen Ausgang entgegen. Sollte der Kampf des Sieges entbehren und alles fehlschlagen, dann blieb immer noch die letzte Rettung, der unfrei gewordenen Heimat zu entsagen und in Hesperien eine neue Heimstätte nach bewährten Mustern zu gründen.
Man gehe an Kap. 41, das den Auszug der Stadt- bevölkerung berichtet, überhaupt nicht so rasch vorüber. Es ist ein passender Gegenstand für die Tätigkeit der Vor- stellungskraft. Man lasse die Schüler sich in die Situation gehörig hineindenken und recht viele Einzelbilder ersinnen und mündlich darstellen. Der Lehrer gebe seinerseits aus Plut. Them. 10 noch einiges hinzu. Recht ansprechend ist beispiels- weise die Geschichte des treuen Hundes. Solche Einzelheiten, die dem menschlichen Herzen nahe gehen, unterstützen auch das Gedächtnis in hohem Masse.
Abgesehen davon, dass die Phantasiel) als besondere Seelenkraft ebenfalls ausgebildet sein will, wirkt eine der- artige Scene, in die wir uns lebhaft versetzen, anregend und wohltuend auf das Gefühl der Dankbarkeit und Zufriedenheit. Wir brauchen dank der Wehrkraft unseres Reiches nicht zu
¹) vgl. Ackermann, Paedagog. Fragen, nach den Grundsätzen der Herbartschen Schule bearbeitet, 2. Reihe, S. 22: Die Bedeutung der Phantasie für das geistige Leben und die sich daraus ergebenden An- forderungen an den Unterricht.


