K. 24 u. R.
K. 40— 42 u. 49— 55.
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anfänglich ebensowenig ein Römer gegen Hannibal aufkommen, wie die Perser überhaupt je gegen Themistokles. Bekanntlich hat Hannibal diese Schwäche der Römer nur zu gut gekannt und benutzt. Verwiesen sei auf die kurze Ansprache, die Hannibal an die Auserwählten hält, mit denen Mago zur Schlacht an der Trebia einen Hinterhalt legt.„Hostem caecum ad has belli artes habetis“, Liv. XXI, 54. Freilich lernten die Römer mit der Zeit von ihrem Gegner. Schon XXII, 16 heisst es:„Nec Hannibalem fefellit suis se artibus peti“.— Dass beide Männer, Hannibal und Themistokles, überhaupt viel verwandte Züge aufweisen, werden wir noch später sehen.
In Kap. 24 und 25 besuchen persische Seesoldaten, von Xerxes eigens dazu eingeladen, das Schlachtfeld von Thermopylae. Jeder, der wollte, solle sehen, wie es Menschen ergehe, die in ihrem Wahnwitz glaubten, es mit den Persern aufnehmen zu können. Der Grosskönig fühlt also das Bedürfnis zu prahlen. Da er nun gar keinen Grund und Stoff dazu hat, greift er zu unehrlichen Mitteln. Weil er aber die Farben zu dick aufträgt, wird die versuchte Täuschung von den eigenen Leuten durchschaut.
Wir haben demnach ein aus Prahlsucht und Unehrlichkeit hervorgegangenes widriges Schauspiel vor uns, das den Veranstalter dem Fluch der Lächerlichkeit preisgibt. Herodot selber kann sich dieses Urteils nicht enthalten. Welche Menschen- verachtung liegt zugleich darin, wenn Xerxes meint, durch ein so plumpes Trugbild die Stimmung seiner Leute heben zu können! Welche Feigheit der Gesinnung setzt ein solches Vertuschungssystem voraus, und wie verderblich musste dessen Wirkung auf weitere Kreise sein.(Man vergleiche damit die Täuschungsversuche, die bekanntlich Napoleon I. in seinen Berichten über die Grösse seiner Verluste macht. Seine An- gaben widersprechen so sehr der Wahrheit, dass sich ein französischer Geschichtsschreiber¹) für berechtigt hält, ihm „»cynique impudence“ vorzuwerfen. Im Grund genommen gehört auch Fürst Potemkin hierher, wenn er seiner Herrscherin in Südrussland durch eitles Blendwerk falsche Tatsachen vorspiegelt.)
Die Kapitel 40— 42 und 49—55 stehen in teils näherer, teils entfernterer Beziehung zu dem zunächst wichtigsten Ereignis, der Einnahme Athens durch die Perser. Als bedeut-
¹) Lanfrey, histoire de Napoleon ler IV, 1.— Lohnend ist in Anstalten, wo in einer Chrestomathie aus Thiers und Lanfrey gelesen wird, ein kurzer Hinweis auf den Unterschied zwischen dem streng sachlichen Geschichtsforscher und dem voreingenommenen tendenziösen Geschichtsschreiber.


