Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 2. Teil
Entstehung
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mit Recht das grosse Verdienst um den athenischen Flottenbau in Anspruch nehmen(VII, 144), er erwähnt den Versuch des Themistokles, die Jonier zum Abfall zu bringen(VIII, 22), und rühmt ihn als den Vater der genialen Idee, die dem Ver- teidigungsplan gegen Xerxes zu Grunde gelegen hat(VII, 143). Ausserdem lässt Herodot in zwei Zwiegesprächen den Themistokles sich seines Gegners mit überlegener Schlag- fertigkeit entledigen(VIII, 59 und 125).

Das Bild, das uns bei Herodot den Themistokles schildert, ist also wohl reich an Zügen, aber den Vorzug ergebnisvoller Einheitlichkeit, wie es bei Thuc. I, 138 mit sicherer Hand gezeichnet ist, besitzt es nicht ¹). Vielleicht ist es unseres

rachtens auch nicht unnütz darauf hinzuweisen, dass Themistokles bei all seinen politischen Verdiensten bekanntlich doch nicht das war, was man unter einem liebenswürdigen Charakter versteht, zu dem sich ein so feines und mildes Herz, wie es in Herodot schlug, innerlich hätte hingezogen fühlen können.

Die Tatsache der missgünstigen Stellungnahme selbst darf aber dem Schüler nicht vorenthalten werden. Es verstiesse gegen die Wahrhaftigkeit und würde den Schriftsteller in einem besseren Lichte erscheinen lassen, als er es verdient. Vitia erunt, donec homines, sagt der grosse Psychologe Tacitus (hist. IV, 74), d. h. die Schwachheit wird vertreten sein, so lange es Menschen gibt. Auch Herodot war ein Mensch und hatte seine Schwächen. Freilich, dass der sonst so sachlich und unbefangen erzählende, so treuherzig und nachsichtig urteilende, so warm und patriotisch fühlende Geschichtsschreiber einem Themistokles nicht gerecht werden kann, ist ebenso auffallend wie bedauerlich(vgl. damit die Beurteilung des Kaisers Tiberius durch Tacitus. Ausblick auf Prima!).

Dafür wollen wir aber bei dieser Gelegenheit nicht unter- lassen, die Schüler auf die Unzulänglichkeit und Unvollkommen- heit der menschlichen Natur überhaupt aufmerksam zu machen. Selbst dem Besten und Edelsten ist der Stempel der Unvollkommenheit aufgedrückt, eine Erkenntnis, die geeignet ist, zur Selbstbetrachtung und Bescheidenheit zu erziehen.

So gereicht hier, wie so oft, der griechische Unterricht nach seinem Mass und Teil dem ethisch-religiösen Interesse zur Befriedigung und stellt sich in den Dienst des Religions- unterrichts. Er liefert nämlich, wie die meisten anderen

¹) vgl. Nitzsch, über Herodots Quellen für die Geschichte der Perserkriege im Rhein-Museum, 1872, 27, S. 244; Bauer, Themistokles S. 15 ff.; Busolt, Griech. Geschichte II, S. 102; Jvo Bruns, Das literarische Porträt der Griechen, S. 85 ff. t