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zu führen und zu lebhaftem Bewusstsein zu bringen¹). Denn wie der Turnunterricht sich vergeblich abmühen würde, den jungen Leuten eine gute körperliche Haltung anzugewöhnen, wenn man nicht auch in den anderen Unterrichtsstunden darauf Wert legte, so würde auch die vereinzelte Mahnung des„Seid einig, einig, einig!“ in der Tell-Lektüre des deutschen Unterrichts verhallen, wenn sie nicht auch auf anderen Gebieten Anklang und Widerhall fände.
Bei Behandlung von Kap. 2 und 3 muss man ferner durch geeignete Fragestellung den Schüler dahin bringen, dass er schliesslich die erstaunte Frage stellt, mit welchem Recht man gerade dem Themistokles das oben angedeutete Verdienst zuschreibe, von ihm sei bei Herodot gar nicht die Rede. Dies führt uns zur Feststellung der Tatsache, dass Herodot überhaupt dem Themistokles eine an vielen Stellen seines Werkes unverkennbar hervortretende missgünstige Behandlung zuteil werden lässt.
Herodot ist doch so ausführlich über die Geschichte der Alkmäoniden und Philaiden, warum so auffallend einsilbig über die wichtige Zeit zwischen dem ersten und zweiten Perserkrieg? Gerade von den angeführten aristokratischen Kreisen wird wohl die von Herodot beliebte Stellungnahme gegen Themistokles ausgegangen sein. Bewusst oder unbewusst steht er unter diesem Einfluss. Die attischen Gewährsmänner legten keinen Wert darauf, dass eine Zeit ausführlich dargestellt werde, deren wichtigstes Ereignis der Sieg eines homo novus über alte und ehedem so mächtige Familien war. Deswegen also bringt Herodot aus dem Leben des Themistokles vor dem Zuge des Xerxes nur die beiden VII, 143 und 144 berichteten Tatsachen. Und mit welcher Kühle führt er ihn dort ein! Dagegen wie bereitwillig nimmt er Veranlassung, von Aristides zu sprechen und mit welcher Wärme und herzlichen Teilnahme tut er es (VIII, 79 und 95). Nur wo es sich um List und Verschlagen- heit handelt, lässt er dem Themistokles Anerkennung wider- fahren(VIII, 110). Sonst sehen wir ihn im Schlepptau einer Ueberlieferung, die des Themistokles wahres Verdienst schmälert (VIII, 57 und 58). Ja, er hebt abstossende Züge geflissentlich hervor, so VIII, 4(unlautere Gewinnsucht und Bestechlichkeit), VIII, 5(Betrug, Unterschlagung), VIII, 112(Habsucht, Er- pressung), VIII, 124(Eitelkeit).
Nur in drei Fällen berichtet Herodot von Themistokles, ohne dass eine missgünstige Bemerkung unterläuft. Er lässt ihn
¹) vgl. J. Weisweiler: Die Literatur und Geschichte des klassischen Altertums im Dienste der nationalen und patriotischen Jugenderziehung. Paderborn, Schöningh 1901.


