Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Leonidas zu Ehren errichtete Denkmal nach der Überlieferung (Herod. VII, 225)? Es ist ein auf entsprechend hohem Sockel ruhender, wohl trauernder Löwe. Giebt es etwas Einfacheres, Hür- digeres, Beziehungsreicheres? Das Ganze atmet heilige Stille, und doch wie laut und zu Herzen gehend ist die Sprache, die es spricht! (Vgl. als Nachahmungen den Löwen von Luzern, das Hessendenk- mal am Bois de la Cusse.) Nicht anders ist es auch sonst in der griechischen Kunst.

In ungezwungener Weise haben wir also wenigstens auf drei Ge- bieten der Kultur, im Staats- und Kriegswesen, in der Litteratur und in der darstellenden Kunst dem Schüler einen Einbliczk in das Walten des griechischen Geistes zu verschaffen gewußt. Wir haben gefunden, daß die alten Griechen den Genius der Natur in seiner wunderbaren Kraft, mit wenig Mitteln stets das Höchste in der angemessensten Form zu erreichen, in kongenialer Weise nachzuahmen verstanden.

Die nichts weniger als ehrenvolle Aufnahme der Thebaner bei K. 285 Xerxes(Kap. 233) wird der Schüler mit Befriedigung als verdiente Bestrafung der Landesverräter auffassen; er wird es als einen Triumph der Wahrheit und Gerechtigkeit betrachten, wenn der Ferräter Ent- käuschung erntet.

Kap. 234 237 sind wichtig wegen ihres inneren Zusammen- ſ. hanges mit Kap. 101 ff. Sie betreffen die veränderte Slellung des z822 Xerxes dem Demaratus gegenüber. Er hält ihn nicht mehr für einen phantastischen Schwätzer, sondern für einen beachtenswerten Rat- geber. In dieser Eigenschaft erteilt Demaratus dem Xerxes einen die Sicherheit Spartas sehr empfindlich berührenden, gehässigen Rat (vgl. Alkibiades-Dekelea). Der Großkönig befolgt ihn nicht, aber wahrscheinlich nur aus Mangel an Mut. Er fühlt sich nur sicher an der Spitze seiner ungeteilten Heeresmacht. Daß er sich jede Verleumdung des Ausländers verbittet, bekundet sein augenblicklich obwaltendes Rechtsgefühl; seine Auslassungen in Kap. 237 von 4 1 ½ 57 eivb ſs 2vO6o,H,at bis et B.hh οο mGðμεm deππχ. 3xviot dE iot ol rotodtots(unser:«Die Leut' sind selten») deuten auf eine gewisse Weltklugheit und Menschenkenntnis hin.

Vielleicht hat aber Herodot das ganze Gesprlch zwischen Xerxes und Achämenes eigens erdichtet und hier eingeschoben, um seinen Lands- leuten, wie so oft, eine Lektion zu geben. ¹) Ihre Neigung zur Ver- leumdung, ihr Hang zum Neid soll ihnen in seiner ganzen Häß- lichkeit vor Augen geführt werden.

Man könnte hier, wie es wohl auch bei lateinischen Autoren an passenden Stellen(z. B. Livius XXI, 4 hinsichtlich des römischen Nationalcharakters) geschehen kann, eine kleine völker- psychologische Betrachtung anstellen. Die Fehler, die Kehrseiten der

¹) Vgl. Jakob Burckhardt, a. a. O., S. 365.