— 386—
Tugenden, sind wie bei einzelnen Menschen, so auch bei ganzen Völkern so wenig voneinander zu trennen, wie vom Licht der Schatten.
Was die Griechen anbelangt, so hat Cicero, pro Flacco IV, 9 und 10; V, 11 und 12, ungefähr das Richtige getroffen. Der selbst- überwindenden Maßhaltung, der Freiheitsliebe, der feinen Ehrliebe und dem Wunsch des Nachruhms stehen die Rachsucht, die Lästerungssucht, der Mangel an Gewissenhaftigkeit und Wahrhaftig- keit in Zeugenaussagen gegenüber, ebenso der Neid. Um letzteren handelt es sich hier. Und so kann es allerdings bei VII, 237 in der Absicht Herodots gelegen haben,«der griechischen Polis den tiefen, böswilligen Neid unter ihren Bürgern und dessen prakttische Bethätigung zu Gemüte zu führen, wobei nur die wenigen Tugendhaften ausgenommen werdenꝰ».
Das Bild des Großkönigs erscheint im nächsten Kapitel(238) wieder abschreckend düster und finster durch die an dem Leichnam des Leonidas genommene gemeine Rache. Der Umstand, daß sich die Perser nach Herodot im allgemeinen gerade durch ihre ehrende Achtung vor dem tapferen Gegner auszeichnen(vgl. die Behandlung des Pytheas durch die persischen Seesoldaten, VII, 181), läßt die That des Xerxes in noch schlimmerem Licht erscheinen.
Übrigens bekommt man aus der ganzen Ausdrucksweise des Herodot in Kap. 238 beinahe den Eindruck, als ob es ihm schwer falle, einem Perserkönig den Frevel an dem Leichnam des Leonidas zuzutrauen. Herodot hat eben, als persischer Reichsangehöriger geboren, bei aller Sympathie für die Freiheitskriege den ange- stammten Respekt vor dem Achämenidenthron nie verleugnet. Wir finden bei ihm keine Spur von Chauvinismus, wie wir das Zerr- bild des Nationalgefühls zu nennen pflegen. Jeder Zug von Weis- heit und Großmut wird unbefangen anerkannt.» ¹)
¹) Vgl. Ernst Curtius, Das Königtum bei den Alten. In Unter drei Kaisern», Reden und Aufsätze, Berlin, 1889, S. 69.


