Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Eine nationale Politik wollte das delphische Orakel nicht treiben, weil es eben eine internationale Stellung einnahm und in der Ver- letzung dieses Verhältnisses durch einseitige Unterstützung des griechischen Freiheitskampfes eine Schädigung seiner Interessen befürchtete. Die delphische Priesterschaft war weit entfernt, die Volksbewegung zu fördern und zu leiten. Ihr war der Freiheits- drang auch in seiner edelsten Form eine unheimliche Macht. Sie hatte ihre reichsten Gaben von den Königen Phrygiens, Lydiens und Agyptens; ihrem Interesse war es also völlig zuwider, den Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren zu verschärfen. Sie fühlte sich als Weltmacht und wollte den friedlichen Zusammenhang der Mittelmeerstaaten nicht gestört sehen. Sie war also mit dem ganzen Anhang der benachbarten Kleinstaaten antinational gestimmt, und die Rettung der hellenischen Unabhängigkeit kam trotz Delphi zustande.»*¹)

Außerdem war das delphische Orakel vielleicht gerade damals von mächtigen Aristokraten stark beeinflußt und suchte unter dem Scheine der Religion politisch auf die Massen zu wirken. Oder aber hielt die delphische Priesterschaft den Kampf gegen die Perser wirklich für aussichtslos und handelte in diesem Sinne. Später (vgl. VII, 178 und 189) änderte sie ihre Taktik, als der entschlossene Widerstand der Eidgenossen zu besseren Hoffnungen berechtigte. ²)

In Kap. 143 werden wir zugleich mit dem Helden bekannt gemacht, der für die kommende ruhmreiche, aber auch schwere und gefahrvolle Zeit die Quelle aller brauchbaren Ideen ist und die treibende Kraft für deren Verwirklichung. Es wird die Auf- gabe des erziehenden Unterrichts sein, aus den im Verlaufe der Lektüre sich ergebenden Zügen ein deutliches Bild dieses Freiheits- helden zusammenzustellen. Schon Kap. 143 ist für diesen Zweck geeignet. Ohne dem Ansehen des delphischen Orakels irgendwie zu nahe zu treten, macht es Themistollles durch geistreiche Deutung des Spruches seinen politischen Absichten dienstbar. Man ist fast geneigt zu sagen, daß in diesem Fall der delphische Sitz die Macht war, die das nicht Ruhmvolle gewollt, aber das Ehrenvollste geschaffen hat.(Sittliche Idee: Die gerechte Sache geht selbst aus den schwierigsten VFerwicklungen siegreich hervor.)

Die Auseinandersetzung des Lehrers darüber, mit welchem k. 144. Recht Themistokles(Kap. 143) ein dvhp« οεοοςα vο at genannt wird, verbunden mit diesbezüglichen Wiederholungsfragen aus dem Geschichtsunterricht in Untersekunda führt uns auf die genialste und folgenschwerste That des Themistokles, auf sein berühmtes Flottengesetz(Kap. 144). Herodot greift also hier auf Früheres zurück.

¹) E. Curtius,«Das Priestertum bei den Helleneny» in«Altertum und Gegenwart, gesammelte Reden und Vorträge», Band II, S. 46. 2) Vgl. Busolt, a. a. O., S. 134.