Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Wie Themistokles schon ehedem seinen Mitbürgern die Augen geöffnet hat über die Buchten der nächsten Landesküste und ihren Wert für die Wohlfahrt der Stadt, so suchte er ihnen später die Vermehrung der Flotte als höchste und unabweisbare Forderung gedeihlicher staatlicher Entwickelung mit überzeugenden Gründen nachzuweisen. Themistokles zeigte Athen seinen wahren Beruf: es sollte eine starke Seemacht werden(vgl. Thukyd. I, 93). Er wies zunächst auf die äginetische Gefahr hin. Im Sinne hatte er aber ganz andere Dinge. Seinem weitschauenden Blick hätten damals die meisten nicht folgen können. Er verschwieg des- wegen seine wahren Absichten, denen die Idee zugrunde lag, daß man nur zur See den Persern erfolgreich die Spitze bieten könne, und daß Athen das Haupt eines groſen Kolonialreiches werden müsse. Pinen reichen Kolonialbesitz betrachtete er als die notiwendige Grundlage für den Aufschwung des Handels. Solle Athen ruhig zusehen, wie die anderen Staalen die Welt unter sich verteilten?

Themistokles war überzeugt, daß Athen ohne eine starke Flotte zum wirtschaftlichen Existenzkampf mit anderen Völkern nicht befähigt sei. Durch den leidenschaftlichen Kampf der öffentlichen Meinung ließ er sich nicht irre machen. Für ihn stand Athen unzweifelhaft vor einer Lebensfrage.

Die Gegner des Themistokles fürchteten den Einfluß der Um- wandlung Athens in eine Seemacht auf das ganze politische und soziale Leben. Ein furchtbarer Sturm erhob sich, den die Abneigung gegen die Flottenpläne des Themistokles hervorrief, trotzdem letztere nichts weniger wie uferlos waren. Die Wehrkraft des Volkes be- ruhe auf seiner bäuerlichen Tüchtigkeit, hielt man dem Themistokles entgegen, die Verlegung des Schrwerpunktes auf die See sei eine pietütlose Landesflucht. Die Anhänger des alten Systems fürchteten, daß mit der Vermehrung des beweglichen Vermögens durch den Handel eine Er- schütterung der alten Klassenordnung nach Maßgabe des Grund- besitzes und damit eine wesentliche Verschiebung der politischen Verhältnisse verbunden sein werde. Sie faßten also das Ganze als eine parteipolitische Machtfrage auf.

Durch den Streit der Parteien wurde das Gleichgewicht im Staate bedenklich erschüttert, bis sich das Volk im Ostrakismus gegen Aristides und für Themistokles entschied. Der Weg für die Entwicklung Athens zur Seemacht ersten Ranges war damit frei- gegeben. Mindestens soviel ist notwendig zum Verständnis des Kap. 144.

Die damaligen Verhältnisse in Athen sind äußerst lehrreich und brauchbar für das anzubahnende Verständnis der Schüler für politische und wirtschaftliche Fragen der heutigen Zeit. ¹)

¹) Vgl. Paul Cauer,«Wie dient das Gymnasium dem Leben? Ein Beitrag zu den Aufgaben praktischer Geistesbildung», Düsseldorf, Voß, 1900.