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zusammengefunden, um das nie dagewesene Schauspiel zu sehen. Allgemein hält man den Heereszug des Xerxes für etwas Uber- menschliches. Die Griechenfreunde fürchten und bangen in ihren Herzen, dürfen es aber nicht gestehen.
Unter dem frischen Eindruck des soeben genossenen mili- tärischen Schauspiels, das sein despotisches Herz mit dem uner- schütterlichen Gefühl unbedingter Unbesiegbarkeit erfüllt hat, zieht der Großkönig den Demaratus ins Gespräch.(Kap. 101.)
Alles zu dieser hochinteressanten Unterredung Nötige ist dem w. 10¹ Schüler bekannt: Ort, Zeit, Anlaß, herrschende Stimmung. Nur über Demaratus selbst muß Auskunft gegeben werden. OÜber seine früheren Lebensschicksale mag der Lehrer aus VI, 63— 70 Passen- des hervorheben. Sein Los flößt uns Mitleid ein. Daß er im Ge— spräch mit dem Großkönig seinen Landsleuten volle Gerechtigkeit widerfahren läßt, bringt ihn unserem Herzen ebenfalls näher. Er vergiebt sich nichts in seiner Rede. Das Schlußwort(Kap. 104) 1EvOLO HvCOt Aε vον tOt, aαοmννο ist nichts mehr als eine Höflich- keitsformel. Trotz alledem gehört er im Gefolge des Xerxes zur Gruppe derjenigen Persönlichkeiten, als deren Typus die Schüler den Hippias bereits kennen gelernt haben. Und doch beansprucht Demaratus wieder eine ganz andere Beurteilung. Die geradezu teuf- lische Bosheit eines Hippias ist ihm fremd. Er ist ein entthronter Spartanerkönig, politischer Flüchtling, Schützling und Ratgeber des Xerges.
Irgendwohin mußten die landesflüchtigen Hellenen doch gehen. Und da war das Perserreich der nächste Ausweg. Niemand fand etwas dabei, wenn ein Verbannter dorthin seine Schritte lenkte; am wenigsten wurde dies für Verräterei gehalten. Wenn man nun den großen politischen Gegensatz zwischen Griechenland und Persien bedenkt, so liegt in dieser Auffassung des nachbarlichen Verhält- nisses freilich etwas merkwürdig Naives. Seit des Cyrus LZeiten war jede tüchtige, brauchbare Kraft, die von Griechenland kam, entweder dem Großkönig oder irgend einem Satrapen stets will- kommen. Umgekehrt konnten sich die Griechen nicht des Gefühles entschlagen, daß in der«unerschöpflichen Fülle der Hilfsmittel, der Stetigkeit der Verhältnisse und dem Glanz des Hofes» auch ein geiwisser Reiz liege. ¹)
Das Gespräch zwischen Xerxes und Demaratus ist wegen seines angemein reichen, didaltischen Gehalles schon einmal zum Gegenstand einer schulmäßigen Erörterung gemacht worden und zwar in sehr beachtenswerter Weise.²) Wir verweisen auf jene Auseinander- setzungen und können uns deswegen kurz fassen. Nur fehlt dort
¹) Vgl. Lrnst Curtius,«-Das Königtum bei den Alten» in Unter drei Kaisern», S. 70.
²) Döricald, Herodot VII, 101— 4 im Unterricht. Lehrproben, Heft 32, S. 79 ff.


