Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Inhaltlich geben die kurzen Andeutungen Herodots über die Heerschau zu Wasser und zu Land unserer Vorstellungskraft frucht- bare Anregung. Sie genügen, um uns eine Scene zu vergegen- wärtigen, die das ästhetische Interesse nicht minder wie das Natur- gefühl befriedigt. Ein farbenprächtiges, des einheitlichen Mittelpunktes nicht entbehrendes Bild, das auch landschaftlich bezaubernd schön ist, entrollt sich vor unseren Augen.

Wir befinden uns in der fruchtbaren Strandebene auf dem rechten Ufer der Maritza. Im nicht fernen Hintergrund die letzten Ausläufer des Rhodope-Gebirges mit seinen malerischen Bildungen. Nach Osten grenzt die schiffbare Maritza den in Betracht kommen- den Teil der Ebene ab. Nach Süden fällt der Blick auf das Meer, in der Ferne tiefer Purpur(oνσι αννοσςσα bei Homer), dann alle Ab- stufungen des Blau bis zum hellsten Smaragdgrün nahe am Ge- stade. Welch herrliche Lichteffekte gepaart mit der Farbenpracht der formgefälligen Schiffe! Dagegen wie gehceimnisvoll, ja wehmütig stimmend ist die Wirkung des Blickes in die blaue, verschimmernde Ferne nach Westen! Jetzt noch friedlich und unberührt von den Schrecken des Krieges, werden Land und Leute unter der erdrücken- den Last der wilden Kriegshorden nur zu bald aufseufzen.

Die Heeresmassen, nach Völkern geordnet, erwarten freilich in sklavischer Unterwürfigkeit die Besichtigung durch das Auge dessen, der jeden Augenblick Leben in Tod verwandeln kann. Etwa fünfzig verschiedene Völker sind vertreten. Alle in mannigfach verschiedener Bewaffnung, in seltsamer, oft phantastischer Kleider- tracht. Alle Gesichtsfarben der damals bekannten Welt kann man sehen. Das ganze vielsprachige Perserreich ist beisammen, drei Erdteile haben ihre stattlichsten und krieggeübtesten Söhne gestellt, der eine versteht des anderen Sprache nicht.

Auf der See in gemessener Entfernung vom Lande ist gleich- zeitig die Flotte aufgestellt. Abgesehen von den Transportschiffen, allein zwölfhundert Schlachtschiffe, in gradliniger Front dem Lande zugekehrt. Alle Matrosen und Seesoldaten dienst- und schlagfertig, jeder an seinem Platze. Die Schiffe sind von abwechslungsreichster Bauart. Besonderes Interesse erregen die verschieden gebauten

und eingerichteten Schiffe der Phönizier und Jonier mit ihren intelligent aussehenden Mannschaften. Unabsehbare Reihen von Mastbäumen!

Xerxes fährt die Front ab. Sein Auge strahlt hohe Befriedigung. Er sitzt unter einem goldenen Zeltdach, ab und zu erhebt er sich rasch, wenn sein Blick auf etwas Neues und Eigenartiges fällt. Die Sonne brennt, aber die Luft ist klar, nicht getrübt und ver- dunkelt durch den Rauch von Kaminen, was bei den heutigen Flottenschauen so störend auf den Beschauer wirkt. Die ansässige Bevölkerung hat sich in hellen Haufen aus der weiten Umgebung