Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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des angeblichen Vorkommnisses ist nicht übel. Herodot glaubt an die prophetische Kraft solcher Dinge und steht insofern im Gegen- satz zu Livius, der sie bekanntlich ebenfalls treu berichtet, aber persönlich dem volkstümlichen Aberglauben offenbar längst entsagt hat, wie aus seiner Bemerkung XXI, 62 hervorgeht.

Die Kap. 61-98 braucht man nicht gerade zu überschlagen; N.6* in ihnen werden die einzelnen Völker aufgezählt und deren Aus- rüstung beschrieben. An bunter Mannigfaltigkeit und Seltsamkeit läßt sie nichts zu wünschen übrig. Unverkennbar hervor tritt die Absicht, durch die Kriegerische Ausstattung des Mannes auch Furcht und Grausen bei dem Gegner zu erregen, ein bezeichnender Zug, der sich durch die ganze Kriegsgeschichte verfolgen läßt und erst in der neueren Zeit, wenigstens bei den Kulturvölkern, verschwunden ist. Also das eine oder andere Kapitel übersetze der Lehrer den Schülern vor, um ihnen auch davon eine Vorstellung zu geben.

Nicht übergehen wollen wir Kap. 99. Es enthält eine kurze K. 9. Charakteristik der einzigen Fürstin, die sich mit eigenen Schiffen dem Heereszug angeschlossen hat. Es ist Artemisig(vgl. Epyaxa und Cyrus den Jüngeren.) Wir müssen mit ihr bekannt werden; denn sie wird uns später noch beschäftigen. Sie muß eine her- vorragende Erscheinung gewesen sein, weil Herodot sie so be- wundert(Aprsptoi-h, Te PNera ee isgeet dri EAda OrDAtsbGA,VIIX Tbvες). Er hebt hervor ihre Selbstéäindigkeit(nach dem Tode ihres Mannes führt sie die Herrschaft selbst), Thatkraft, ihre politische Einsicht(vgl. noch VIII, 68, 87, 93, 101 103), ihre Klugheit im Rat. Von Xerxes war sie hochgeschätzt.

Kap. 100 erinnert inhaltlich an Kap. 44. In beiden Fällen K. 100. handelt es sich um eine Heerschau, doch mit namhaftem Unterschied. Früher war es dem König mehr um einen Gesamt- eindruch zu thun, jetzt handelt es sich um eine Einzelbesichtigung durch Xerxes persönlich. Die Ergebnisse werden im Beisein des Großkönigs sofort durch Protokollführer in amtlichen Listen nieder- gelegt.

Der Schüler wird sich oft erstaunt fragen, woher denn Herodot die in seinen Erzählungen zu Tage tretende Kenntnis sovieler Ein- zelheiten genommen hat. Nun eben in unserem Kap. 100 sehen wir eine Quelle sich aufthun. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Herodot entweder aus dieser Quelle der amtlichen Aufzeichnungen unmittelbar geschöpft hat, oder aber, daß seine Angaben auf münd- lichen Erkundigungen bei der Familie des Demaratus beruhen, der bei der Heeresschau anwesend war und den Inhalt der Aufzeich- nungen bekanntgegeben hat. ¹)

¹) Vgl. Busolt, a. a. O., S. 143.