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die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken». (Matth. 11, 28.) Erst als das Euangelium seinen Einzug in die Welt ge- halten hatte und auch begriffen worden war, da senkte sich wie Balsam die unerschütterliche Gewißheit in die Gemüter, daß alle Not und Pein des irdischen Lebens doch nur der Tropfen am Eimer ist, verglichen mit dem Meer von Glückseligkeit, das im künftigen Leben derer harret, die einen guten Kampf gekämpft und getreu waren bis in den Tod.
Dieser düsteren, zur Wehmut, ja zeitweise zur Verzweiflung neigenden Anschauung, wie sie sich bei Herod. VII, 46 darstellt, steht eine andere Lebensauffassung gegenüber, die der Schüler noch in demselben Jahre bei Fergil, Aen. X, 467 ff. kennen lernen wird. Sie ist enthalten in den wenigen Worten:
Stat sua cuique dies; breve et irreparabile tempus Omnibus est vitae. Sed famam eætendere factis, Hoc virtulis opus.
Hier wird der Tod nicht als die Erlösung von den Müh- seligkeiten des Lebens aufgefaßt, und nichts weniger als einer stummen Resignation wird das Wort geredet, sondern die Energie, die charakteristische Eigenschaft des Römertums, kommt zur Geltung.
Allerdings wirft dem Römer der Gedanke an den Tod als Naturnotwendigkeit einen tiefen Schatten auf das Leben; aber er ringt nach Erwehrung der Todesgedanken durch eine rastlose Thätig- keit, die seiner energievollen Anlage, d. h. seiner angeborenen Richtung auf die Ziele des Wollens und Handelns entspricht. Also die Flüchtig- keit des Lebens(Breve et irreparabile tempus) soll man durch eine möglichst gesteigerte Thätigkeit vergessen machen und über die Nacht des Grabes möge man sich trösten durch den ezwwigen Nachruhm, der den Thaten folgt, wenn sie danach waren(famam extendere factis). Man vergl. dazu Cic. pro Sestio 47.— An diese Erwägungen wird angeknüpft in Prima(Plato, Phaedon; Cicero, Tuscul. I; Horaz, Oden), aber auch schon in Obersekunda selbst, wenn bei der Lektüre von Hermann und Dorothea IX, 46 ff. der Pfarrer die Worte spricht:
Des Todes rührendes Bild steht
Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. Jenen drängt es ins Leben zurückh und lehret ihn handeln,
Diesem stärkt es zu künftigem Heil im Trübsal die Hofyrnung; Beiden wird zum Leben der Tod.»
Im weiteren Verlauf des Gespräches(Kap. 47— 52) will Xerxes K.⁴* von der von Artabanus beliebten Wertschätzung des menschlichen Lebens nichts mehr wissen. Sein Glück steht fest. Die Vertrauens- seligkeit und Selbstgefälligkeit hat den höchsten Grad erreicht. ([Dnorà BIovs Ibata Sy„*i, Kap. 47.) Immerhin bleibt der Besorgnis verratende Gesichtsausdruck des Artabanus nicht ohne Wirkung. Artabanus weiß, daß für ihn als Reichsverweser die Stunde
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