Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Die mitgeteilten Belege weisen also die Richtigkeit der An- sicht August Boeckhs nach, die auch C. Alewi vertritt, wenn er sagt: Die Griechen sindsuchende Menschen gewesen und konnten die Wahrheit nicht finden; auf die große Frage nach demhöchsten Gut konnten sie nur die negative Antwort geben, daß es im Irdischen nicht zu finden sei. Nicht wegen ihrer Leistungen kann die alte Welt als eine praeparatio evangelii gelten, sondern wegen ihres tragischen Unter- gangs. Es war ein Grundirrtum Schillers, der heute noch verderb- liche Propaganda macht, daß das ästhetisch-harmonische Menschentums- ideal bei den Hellenen verwirklicht gewesen sei. Es ist eine Ferkennung der Thatsachen, wenn man glaubt, daß Heiterkeit und Freude das charaleteristische Merhkmal der hellenischen Welt gewesen sei. Diese Heiterkeit ist auf dem Boden des tiefsten Schmerzes erwwachsen»).

Der Gedanke, dessen Nachweis und didaktische Behandlung uns hier beschäftigt, hat auch dichterischen Ausdruck gefunden und zwar in der klassischsten Form von einem unserer seelenvollsten Dichter, nämlich von Lenau; er sagt:

«Die Künste der Hellenen kannten

Nicht den Erlöser und sein Licht, Drum scherzten sie so gern und nannten Des Schmerzes tiefsten Abgrund nicht.5 Daß sie am Schmerz, den sie zu trösten Nicht wußte, mild vorübenführt,

Erkenn' ich als der Zauber größten, Womit uns die Antilte rührt» ²).

Welch tiefernsten Grund hat nach dieser Anschauung die Neigung zu scherzen! Wesentlich anders ist die Auffassung in Schillers Die Götter Griechenlands», wo es Strophe 14(erste Ausg.) heißt:

«... Schöne lichte Bilder

Scherzten auch um die Notwendigheit,

Und das ernste Schicksal blickte milder Durch den Schleier saufter Menschlichkeit».

Es ist also unverkennbar, daß die schmerzliche Empfindung der Unvollkommenheit des menschlichen Lebens bei den Griechen ein freilich unbefriedigt gebliebenes Suchen nach einem höheren über- irdischen Glück hervorgerufen hat. Die Welt hatte noch keinen Trost in dem«mühseligen» Leben(man beachte nochmals νονυνμ ⁰00ℳ Tne 67⸗. Herod. VII, 46); denn die Stimme des Heilandes war noch nicht erschollen, der da sprach:«Kommet her zu mir alle,

¹) C. Alexi, Direktor des Gymnasiums zu Mäühlhausen i. E. und außerord. Mitglied des kaiserl. Oberschulrats für Elsaß-Lothr.,«zur Reform der höheren Schulen in Deutschland», Langensalza, Beyer und Söhne, 1883, S. 15.

²) Lenau, Savonarola(Lenaus Werke, 4. Teil, Berlin, Hempel, S. 59).