Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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griechischer Geistesentzwickelung steht unzweifelhaft unter dem beengenden Druck einer pessimistischen Lebensanschauung. ¹)

Aus der Fülle des Stoffes²) machen wir die Schüler nur mit je einem Beispiel aus den drei Dichtungsgattungen bekannt.

¹) Was die historisch-wissenschaftliche Seite dieser Frage anbelangt, so bemerken wir, daß wir uns ihrer großen Schwierigkeit wohl bewußt sind. Wir wissen auch, daß die Ansichten der meisten über Maß, Ausdehnung und Verteilung dieser Erscheinung auf die verschiedenen Zeiten und Menschenklassen sehr auseinandergehen. Viele Kußerungen in der Litteratur sind vielleicht unter momentanen Stimmungen und Eindrücken entstanden und können eine absolute Gültigkeit nicht beanspruchen. Eine formelhafte Festlegung dieses Problems ist geradezu unmöglich.

Gewiß kann man annehmen, daß ein Mann wie Plato, wenn er mit dem bestehenden Staate und dessen Sittlichkeit nicht zufrieden war, sich nicht dem Pessimismus zuwandte, sondern seine Befriedigung in der Theorie einer radikalen Umgestaltung der Politeia suchte. Aber was soll man dazu sagen, wenn ein Aristoteles sich zu den schauerlichen Worten versteigen konnte:«Was ist der Mensch? ein rechtes Merkzeichen der Schwäche, eine Beute des Augenblicks, ein Spielzeug des Zufalls, ein Bild des Um- schlagens, bald mehr dem Neid, bald mehr Unglücksfällen anheimgegeben; der Rest ist Schleim und Galle.?(Stob. Floril. III, S. 231.)

Der Glaube an den Pessimismus der Griechen findet seinen ent- schiedensten und weitestgehenden Vertreter in Jalob Burckhardt. Nach ihm hat die äußere Lebensfreude, Kurzweil, Geselligkeit oder Teilnahme an festlichen Veranstaltungen, Genuß der Kunstwerke den Mangel an innerer Befriedigung nie überwinden können. Niemals sei eine Ansicht mit mehr Unrecht aufgetreten als die, daß die Athener des perikleischen Zeit- alters jahraus jahrein im Entzücken hätten leben müssen. Burckhardts Autorität wird deswegen für die Zukunft überall da angeführt werden, wo man die Meinung verficht, daß die ganze griechische Lebensbetrachtung, so oft sie sich tiefer auf ihren Gegenstand besann, stets in das Nicht- geborensein ist das Bestey ausklingen mußte.

Eine Mittelstellung nimmt A. Philippi ein(UIber Jakob Burckhardts Griechische Kulturgeschichte, Grenzboten, 1899, II. Viertelj., S. 82 ff.). Wo wäre die Meinung der Unzähligen, die sich nicht mehr zum Wort melden könnten? Eine kleine Gegenrechnung von Lebensfreuden könne man Burck- hardt doch machen. Im Handeln habe der griechische Pessimismus seine Menschen schwerlich gelähmt(wir verweisen auf Demosth. de cor. 97), und im wirklichen Leben aerde man doch nicht soviel von ihm gemerkt haben.

Aber wie dem auch sei, unsere Aufgabe war es nur, die sich uns dar- bietende, unleugbar stark pessimistisch gefärbte Kundgebung Herodots durch eine zweckentsprechende didaktische Betrachtung und Verknüpfung zu einem Gegenstand von erzieherischer Bedeutung für die Schule zu erheben. An einer so merkwürdigen Außerung, wie diejenige Herodots VII, 46 ist, soll eben nach unserer Ansicht kein Lehrer vorübergehen, ohne deren heil- same Bildungskraft für das ganze religiös-sittliche Empfinden der Schüler ausgenutzt zu haben.

²) Vgl. Stein zu Herodot I, 31 und VII, 46; ferner Rieder, Einige Parallelen zu Stellen der heiligen Schrift aus den Werken griechischer, römischer und deutscher Klassiker in Zeitschr. f. d. G. W., Bd. 46, S. 419, und Noch einige Parallelen zu Lehrstücken des christl. Religionsunterrichts aus den Werken griech. und röm. Klassiker. Zeitschr. f. d. G. W., Bd. 47, S. 79; außerdem vgl. A. Baumstark, a. a. O., und Burckhardt, a. a. O., S. 373 ff.