Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Auch die Geschichte des Polykrates gehört hierher. Denn es handelt sich bei ihr um weiter nichts, als um das drückende Gefühl der Sorge vor möglichem Unglück und um das vergebliche Bemühen, es abzuwenden und die dunkeln Mächte durch freiwillige schmerzliche Opfer umzustimmen. Vergleichsweise kann ferner V, 4 herangezogen werden.

Ubrigens steht Herodot mit derartigen Ausklängen einer weh- mutsvollen Stimmung nicht allein da. Im Gegenteil, dieser pessi- mistische Zug ist dem ganzen griechischen Altertum gemein ¹), er beherrscht den ganzen Untergrund seiner Weltanschauung, liefert, ein Hauptmotiv seiner tragischen Dichtungen, er findet sich bei den epischen Dichtern gleichfalls und bei den lyrischen erst recht. Wie ein einziger langsam verhallender Seufzer klingt es aus den zahllosen lyrischen Ergüssen. ²)

Daß«die armen, unglücklichen(d50ro) stehendes Beiwort der Menschen ist, weiß jeder Schüler aus der Lektüre der Odyssee. Bezeichnend sind auch die Verse Od. XVIII, 130 und 131. Ja, das Göttliche selbst hat menschliches Elend zu kosten, wenn es sich dauernd zur Sphäre der Sterblichen herabläßt. So die Göttin Thetis, so die göttlichen Pferde, die Zeus teilnehmend also anredet (II. XVII, 443 ff.):

«Ach, was schenkten wir Euch, unselige Rosse, dem Peleus? Er war sterblich gezeugt, ihr lebt in unsterblicher Jugend. Sollt ihr tragen das Leid, wie mühbeladene Menschen?»

Und nun läßt der Dichter dem unter Menschen üblichen Urteil über den Wert des Lebens aus göttlichem Munde gewisser- maßen die Bestätigung erteilen. Denn Zeus selbst, der das Menschenleben genau kennt, spricht sich über das Menschenlos mit folgenden erschütternden Worten aus:

«Ist ja der Mensch doch wahrlich das unglückseligste Wesen,

Wie kein anderes sonst, das atmet und Kriecht auf der Erdey.

Immerhin ist die Welt der homerischen Menschen noch am wenigsten von dem Hauch des Pessimismus berührt. Gewiß wird mit tiefer Empfindung von den Mühen und Sorgen, den Ent- täuschungen und herben Zwischenfällen des Lebens gesprochen und geklagt; aber«von dem Leben im ganzen sich abzuwenden, kommt keinem homerischen Menschen in den Sinn» ³). In der Kindheit des Volkstums wurde eben Leid und Freud gleichmäßig als etwas Selbstverständliches hingenommen. 4ber die zweitaus längste Strecke

¹) Vgl. Eracin Rohde, Der griechische Roman und seine Vorläufer, S. 205, Anm.

2) Vgl. A. Baumstark,«Der Pessimismus in der griechischen Lyrik», Heidelberg, Winter, 1898.

³) Prwin Rohde, Psyche, Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen, 1. Aufl., S. 2.