Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Mit Recht sehen wir in Kap. 46 einen Beleg für die Wahr- heit der Ansicht August Boeckhs, jenes Mannes, dessen beste Mit- gift nach E. Curtius' Ausspruch der angeborene Takt für die Wahr- heit war, die er ahnend erkannte, aber nie als solche vortrug, bis er sie durch eine festgeschlossene Kette wohlgeprüfter Beweise ge- sichert hatte. Boeckh sagt: Fechnet man die großen Geister ab, die, in der Tiefe ihres Gemütes eine Welt einschließend, sich selbst genug waren, so erkennt man, daß die Menge der Liehe und des Trostes entbehrte, die eine reinere Religion in die Herzen der Menschen gegossen hat. Die Hellenen waren im Glanze der Kunst und in der Blüte der Freiheit unglücklicher, als die meisten glauben» ¹). Sollte man nicht meinen, der vorzügliche Kenner des altgriechischen Wesens habe gerade unsere Stelle vor Augen gehabt?

Ein wahres Glück für die Erforschung der Wahrheit, wenn derartige Kußerungen des griechischen Seelenlebens trotz ihrer manchmal ganz unscheinbaren Gestalt nicht unbemerkt pleiben, sondern gehörig zur Geltung gebracht werden. Im anderen Falle schleichen sich verhängnisvolle Irrtümer ein. Bekanntlich war Schiller nicht frei von ihnen.

Die mythische Naturerscheinung der Griechen schien Schiller so stark und segensreich zu sein, daß sie ihm die Bedingung eines harmonischen Gemütslebens und des wahren inneren Seelenfriedens gewährleistete. Ebenso hielt er den Kunstsinn und die Kunstbe- friedigung des griechischen Altertums für so überaus mächtig und heilsam, daß er den griechischen Glauben und das ganze sittliche Wesen der Griechen für den einzig würdigen Standpunkt hielt. Man vergleiche nur die Götter Griechenlands», wo Schillers ein- seitige Wertschätzung angeblich griechischer Weltanschauung be- sonders drastisch zum Ausdruck kommt. ²)

Bei Herodot selbst sind uns noch drei sinnverwandte Stellen aufgefallen I, 31: d160e?ès rs y rooνεν ν εοε, AtwCv, AvSG rsdvãvat p.A*AO, CGstv. VII, 203: siyννι νον ον˙dSv, 0558 Edt c Arv S AI7s Jt?O,EvG vSi, Oon sirot A˙0 BE ra. VII, 152: Sinrana rooro, ött zrX. Das weiß ich, wenn alle Menschen die einem jeden eigentümlichen Übel auf einen Haufen zusammentrügen, um mit den Mitmenschen zu tauschen, so würde bei näherer Einsicht in das, was die anderen drückt, gerne jeder wieder nach Hause tragen, was er mitge- bracht hat.

¹) Boeckh, Staatshaushaltung der Athener, Bd. I. Buch IV. Kap. 22 (1. Ausgb. Bd. II, S. 159; 2. Ausgb. Bd. I, S. 792).

²) Jalcob Burckhardt,«zur Gesamtbilanz des griech. Lebens» in seiner Griech. Kulturgeschichte, II, S. 373, spricht von einer der allergrößten Fälschungen des geschichtlichen Urteils, welche jemals vorgekommen.)