Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

57

waren so naturgetreu nachgebildet und leuchteten mit so wunder- barer Pracht, daß sie die staunenden Blicke eines jeden sofort gefangen nahmen. Besonders in Griechenland waren die beiden Kunstwerke hochberühmt. Die erste Frage an einen Griechen, der vom Hofe in Susa heimgekehrt war, galt ihnen. Alles bestürmte den mit Fragen, der so glücklich war, eines der Wunder der Welt gesehen zu haben. Noch lange nach dem Untergange dieser Herr- lichkeiten bis tief in die Sagen des Mittelalters hinein wurden der Weinstock und die Platane als das Höchste irdischen Prunkes gepriesen.

Vermutlich war Pythius ein Nachkomme des lydischen Königs, vielleicht ein Sohn jenes Atys, der dem Wurfspieß des unseligen Adrast auf der Eberjagd zum Opfer fiel und so den Traum des vielgeprüften Krösus verwirklichte(Herod. I, 34 ff.). Wenigstens paßt das hohe Alter, in dem Pythius damals stand, und ebenso sein Name sehr gut zu dieser Vermutung. Er mag etwa ein Siebziger gewesen sein, als er der Gastgeber des Xerxes war. Seinen Namen kann er leicht zu Ehren des pythischen Gottes bekommen haben. Auch Atys ist ein königlicher Name bei den Lydiern. Da ferner Krösus von den beiden ersten Königen bekanntlich in hohen Ehren gehalten wurde, so ist es sehr begreiflich, daß ihm und seinen Nachkommen ihr Privatvermögen gelassen worden war. Wohl kann also Pythius für den Reichsten nach dem großen König gehalten worden sein.

Daß Herodot von dieser Verwandtschaft nichts meldet, darf uns nicht befremden. Er kümmert sich um diejenigen Personen wenig, die das novellistische Interesse seiner Erzählung nicht zu erhöhen ge- eignet sind. Von Atys' Witwe hören wir auch weiter nichts, ebenso von dem stummen Sohn des Krösus nach seiner merkwürdigen Heilung. ¹)

Zur Charakteristik des Großlönigs gewinnen wwir drei wichtige neue Züge. Zunächst legt er ausschweifende Freigebigkeit an den Tag, die wir aber nicht, wie vielfach beliebt wird, Großmut nennen können. Denn sie hat ihre starken Wurzeln nicht in Herzensgüte und Nächsten- liebe, sondern in der Eitelkeit. Sie nimmt im vorliegenden Falle unleugbar ihren Ausgang von der Sucht, von sich reden zu machen und von niemandem an Reichtum übertroffen zu werden. Dagegen zeigt er unmenschliche Hartherzigkeit und entsetzliche Grausamkeit. Die beiden letzteren erscheinen um so häßlicher, weil sie mit der Frei- gebigkeit an derselben Person ausgeübt werden. Dazu beachte man die Nebenumstände, sehr hohes Alter des Pythius, Bescheidenheit und Berechtigung seines Wunsches!

¹) Entnommen aus Urlichs,«Uber die älteste samische Künstlerschule» im Rhein. Mus. X, S. 23 ff., wo sich auch der Litteraturnachweis über die von uns mitgeteilten Einzelheiten befindet.