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Was ihnen vorenthalten blieb, hat das Christentum der Menschheit erselzt. Desavegen hat auch die Neuzeit keinen sittlichen Gedanken zuwege ge- bracht, der nicht schon in der Bibel oder in den alten Autoren in der einen oder anderen Form steht. Wenn Goethe heute noch am Leben wäre, zwürde er den folgenden Ausspruch nicht nur aufrecht halten, sondern ihm wahrscheinlich eine noch nachdrücklichere Betonung geben:«Eine Haupt- überzeugung, die sich immer in mir erneuerte, war die Wichtigkeit der alten Sprachen; denn soviel drängte sich mir aus dem litterarischen Wirrwarr immer wwieder entgegen, daß in ihnen alle Muster der Rede- Künste und zugleich alles andere Würdige, was die Welt jemals besessen, aufbewahrt sei* ¹).
Wie zahlreich die Fäden sind, die von der Herodotlektüre vor- wärts und rückwärts laufen, sieht man auch hier wieder. Die vor- stehende Zusammenstellung ethischer Leitsätze erinnert an die Be- schäftigung mit Ovids Metamorphosen in Tertia, wo es ebenfalls als Aufgabe gelten soll, daß Lehrer und Schüler in gemeinsamer Arbeit aus dem reichen sittlichen Gehalt Gedankepreihen bilden, die klar und bestimmt gefaßt als Stock und Stamm für anzuschließende spätere Erwerbungen dienen sollen. Vgl. Pürschel, Zur Ovidlektüre in der Obertertia der Gymnasien, Programm Strehlen i. Schl., 1896, S. 10, wo auf diese Art der Behandlung Rücksicht genommen ist. In dieser Richtung nach oben gegangen, gewinnen wir später Fühlung mit der praktischen Lebensphilosophie des Horaz, wie er sie in seinen Oden, Satyren und Episteln niedergelegt hat. Vgl. Die horazische Lebensweisheit aus den fünfzehn den Fragen der Lebenskunst ge- widmeten Oden» entwickelt und beurteilt von Maæ Sehneidewein, Hannover, 1890.
Ein in der seitherigen Lektüre noch nicht dagewesener Begriff ist der ⁸οονςα ϑ, von dem in Kap. 10 die Rede ist.(arpa- rdc oc dd o dia deipsrar arà rotννds Ssay„ꝓt 6 ede „dowiααα †ρον 2. 5A— oo.²) Vgl. noch I, 32, 6; III, 40; VII, 46 und VIII, 109.) Die Übersetzung Neid der Götter» ist in die weitesten Kreise hineingetragen worden durch die bekannte Stelle in Schillers«Der Ring des Polykrates»:
«Mir grauet vor der Götter Neide, Des Lebens ungemischte Freude Ward keinem Irdischen zu teil».
Auch sonst kommt dieser Ausdruck noch bei Schiller vor. In der Braut von Messina heißt es:
«Denn mit der nächsten Morgensonne Strahl Ist sie die meine, und des Dâmons Neid Wird keine Macht mehr haben über mich.
¹) Werke XXI, S. 25(Berlin, Hempel). ²) Zugleich älteste begriffliche Erwüähnung des sog. panischen Schreckens».


