Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

44

steckt viel pädagogischer Stoff und pädagogischer Sinn im Herodot», so gilt dies für die folgenden Bücher in noch weit höherem Maße.

Der Eriweckung und Befriedigung eines vielseitigen Interesses wird reichlich Stohf geboten; die Fühlung mit anderen Unterrichtsgegenständen ¹) ist leicht herzustellen; vielfach drängen sich die Beziehungen geradezu auf, Verstand, Gestaltungskraft, Herz und Wille finden einen nahrung- spendenden Boden.

Aber auch hier darf, will man den Betrieb der Lektüre er- zieherisch auffassen, nie vergessen werden, daß die Kenntnisnahme der einzelnen Thatsachen an sich nicht gerade viel Bildungswert in sich einschließt. Als oberstes Ziel muß vielmehr stets vor Augen stehen, dem Schüler ein tiefes Verständnis beizubringen für die inneren Gründe, die Griechenland zum freigewählten Kampf gegen die persische Invasion getrieben haben, und besonders ein lebhaftes Gefühl für die sittlichen Kräfte, die ihm in dem welthistorischen Zusammenstoß von Ost und West zum Sieg verholfen haben.

Die geschichtlichen Ideen, die hier Gestalt geiwinnen, die geschicht- lichen WMahrheiten, die hier zur Anschauung kommen, sie sind das Bil- dende, nicht der äußere Verlauf des Kampfes.

Hier wird aufs eindringlichste gepredigt und überzeugend nach- gewiesen für alle Zeiten, daß der zielbeiwuſte Zusammenschluß schwacher Gruppen den mächtigsten Gegner besiegen kann; daß äußere Machtmittel nichts bedeuten ohne das Bewuſtsein einer sittlichen Verpflichtung, für das Vaterland einzustehen; daßs eine gewaltige, unförmige und indolente Masse nichts vermag gegen einen kleinen Gegner, der den Vorzug sitt- licher und geistiger Uberlegenheit hat; daß der äußere Zwang lähmt, die innere Begeisterung zu Thaten boeflägelt.

In der gleichzeitig nebenhergehenden Liviusleltüre, die den Frei- heitskampf der Römer schildert, finden wir manche abweichenden, gerade deswegen aber interessanten Züge. Es handelt sich nicht um eine Vielheit autonomer Einzelstaaten, die eine gemeinsame Ge- fahr vorübergehend zu eidgenössischer Verbindung gezwungen hat, sondern ein Jestgefügter Einheitsstaat kümpft um seine nationale Existenz und politische Selbständigkeit. Wir treffen aber auch bei einem Vergleich nicht den inneren Gegensatz an, wo auf der einen Seite Gesetzmäßiigkeit, Freiheit und Bildung stehen, auf der anderen Willkür und Rechtlosigkeit, Knechtschaft und Barbarei. Denn Karthago war kein despotisch regierter Staat wie Persien. Aber bei ihrem starren, fremde Bildung ausschließenden Nationalwesen würden die Karthager nicht die Völker in sich verschmolzen haben, wie es die Römer gethan, sie hätten deswegen im Westen auch nicht die Kulturmission übernehmen können, die beispielsweise Alexander der Große für das Morgenland erfüllt hat.

) Vgl. Ahlheim, Die Schriftstellerlektüre der Obersekunda nach den Grundsätzen der Konzentration. Programm, Bensheim., I. Teil, S. 19 ff.