Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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ließ, sondern angriff und daß er durch kluge taktische Anordnungen jene UÜbermacht fast unnütz machte, das begründet den unsterblichen Ruhm des Miltiades. Wir pegreifen, daß die Athener stets mit be- sonderer Vorliebe des Tages von Marathon gedachten, wo sie allein den Feind bestanden, und daß ein späteres Geschlecht auf die Marathonkämpfer mit bewundernder Ehrfurcht wie auf ein Heroen- geschlecht zurückblickte. Die Schlacht von Marathon hat die europäische Civilisation vor Erdrüchung durch den asiatischen Despotismus gerettet».

Nicht minder hoch ist der Wert der Schlacht bei Marathon in Kriegsgeschichtlicher Beziehung. Er wird durch das Urteil Eschen- burgs¹) ins richtige Licht gestellt.«Die Stellung, welche Miltiades gewählt hat, zeigt sich als eine strategische Flankenstellung von der gröſiten Wirksamkeit und würde noch heute vollstäindig zweckentsprechend sein, ein Bewweis, wie sehr die Grundprinzipien des Krieges aller Zeiten sich ähneln.»

Dies genügt aber noch lange nicht einer schulmäßigen Betrachtung im erziehenden Sinne. Unser Gegenstand hat auch noch eine philosophische Seite. Unter diesem Gesichtspunlet be- trachtet, besteht die Bedeutung des ungleichen Kampfes bei Marathon in dem Gepräge der Genialität, welches das erfolggelrönte Auftreten der Griechen an sich trägt. Denn der Sieg auf dem Fenchelfeld ist ein Glied in der Kette der zahlreichen Erscheinungen auf dem Gebiet des Kriegs- und Staatswesens der Griechen, ihrer Kunst und Litteratur, die bewweisen, daß die Griechen Meister waren in der Fertigkeit, mit wenig Mitteln viel zustande zu bringen.) Wenn Wissenschaft im allgemeinen die Kenntnis der Natur ist, ihrer Gesetze und Kräfte, und Kunst die Nach- ahmung der Natur, so waren die Griechen schon in diesem weiteren Sinne des Wortes die größten Künstler. Denn in der weisen Sparsam- keit der angewendeten Mittel und in der Treyrsicherheit des Zieles er- innert das griechische Kulturleben auf Schritt und Tritt an den in der Natur waltenden Genius, und somit können die Griechen selbst genial ge- nannt werden. Ein Voll aber von so vorbildlichem Wert hat besonders im Unterrichts- und Erziehungswerk der Gelehrtenschule höchsten An- spruch auf Beachtung und Studium für alle Zeiten.

Wie bedeutsam und lehrreich an sich, wie fruchtbar und brauchbar für den erziehenden Unterricht die im sechsten Buch mitgeteilten Ereignisse auch erscheinen, so sind sie doch nur als Vorspiel zu betrachten. Das eigentliche Drama kommt erst. Es ist der Zug des NXerxes. Dem recht glücklich entsprechend, nimmt auch der didaktische Wert der Herodotlektüre in den folgenden zwei Büchern nur zu. Wenn Otto Willmann sehr richtig sagt:«Es ¹) Vgl. Eschenburg, a. a. O. ²) Vgl. S. 84 f.