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und abwägende Verstand sieht in dem Verhalten der Athener nicht ausschließlich Wankelmut und Undankbarkeit; vielmehr vermißt er die richtige Wertschätzung geleisteter Dienste durchaus nicht. Der mächtige, Kraftvolle und thatendurstige Eigemwille einer bedeutenden Persönlichkeit wird eben in einem republikanischen Gemeinwesen immer für eine große Gefahr angesehen. Auch bei den Athenern war es so(vgl. Corn. Nep. Milt. VIII). Dies hätte Miltiades bedenken müssen. Sein Glück machte ihn in seinem autokratischen Wesen blind gegen den Umfang seiner eigenen Ansprüche einerseits und den Umschwung der öffentlichen Stimmung andererseits. Der Schüler muß hier zur Einsicht kommen, daß demjenigen, der Glückh und Erfolge hat, Maßhaltung und Selbstbeherrschung erst recht not thut. (Glänzendes Beispiel aus der neueren Geschichte ist Wilhelm der Große.)
So geht es eben in einer Demokratie zu, wo naturgemäß der feste Mittelpunlet einer billig ausgleichenden monarchischen Regierungs- gewalt fehlt und der größte und verdienstvollste Mann der Laune der wetterwendischen«aura popularis»(Ausblick auf Demosthenes und Horaz,«civium ardor prava iubentium»,«turba mobilium Quiritium»,«volgus infidum?) unterworfen ist und leicht deren Opfer werden kann.
Deswegen führt uns die eingehendere Betrachtung der Dinge zu der Erkenntnis, daß die Stellung des Staatsmannes im antiken republikanischen Staat viel schwieriger war als im modernen monarchischen. Dort ging der Sturz gleich ins Bodenlose, während heutzutage auch dem weniger glücklichen Politiker noch die Gnade des Fürsten und eine durch Ehre und Reichtum gesicherte Zukunft bleiben kann. In den Republiken des Altertums«ar es die Auf- gabe der Staatsmänner, eine beiwegliche, unbeständige, oft verblendete, immer furchtbare Volksversammlung durch die bloße Kraft persönlicher Talente, durch Festigkeit des Willens, durch die überzeugende Gewvalt der Beredsamkeit zu überwültigen, aufzuregen oder zu besäuftigen, zu Ent- schlüssen und Handlungen zu bestimmen»(Vorbereitung auf Perikles in der Thukydideslektüre und Demosthenes). Wer kein Redner war, konnte kein Staatsmann werden. Die beste Arbeit in der Ruhe der Kabinette wäre ohne die Fähigkeit rednerischer Be- thätigung unnütz und wertlos gewesen. So mußte im Altertum gar mancher Staatsmann nach einem glänzenden Anfang bald fallen, weil das unreife, wankelmütige und urteilslose Volk, das vielfach von charakterlosen Parteiführern verführt war, die Ent- scheidung zu geben hatte(vgl. Kleon, Aschines, Clodius).
Als Schlußfolgerung ergiebt sich, daß eine Republik große Staatsmänner, ohne die doch kein Staat zu dauernder Macht kommen kann, nicht lange ertragen kann. So beweist gerade das


