Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Anziehungskeraft so mächtig ist, daß die zuerst beliebte Form aufge- geben wird.

Der Epiker hat bekanntlich nur für das Ohr gedichtet; ähn- lich so ist es bei Herodot. Auch seine Erzeugnisse waren recht eigentlich zum rhapsodischen Vortrag vor Zuhörern bestimmt, und dazu gelangten sie auch in öffentlichen und privaten Kreisen.

Herodot schrieb so, wie er ungefähr gesprochen haben würde.¹) Es ist demnach ein für die Würdigung des Herodot un- erläßliches Erfordernis, uns bei ihm alles gesprochen zu denken, was wir lesen. Schon daraus ergiebt sich als notwendige Aufgabe Ffür die Schule, auf ein ausdrucksvolles, sinngemäßes und schönes Lesen, das als solches erst nach der Durcharbeitung eintreten kann, als be sondere Leistung großen Wert zu legen.²)

Kap. 131 verdient aus allgemeinem Interesse für geschicht-K. 131. liche Größen gelesen zu werden.

Auf den Schluß des sechsten Buches, die Erzühlung von dem traurigen Ende des Miltiades(Kap. 132 136) zu verzichten, halten 1 192 wir nicht für angezeigt. Das spätere Schicksal des Helden kann dem Schüler durchaus nicht gleichgültig sein. Und wo lebhaftes Interesse gleichsam als gewachsener Boden beim Schüler schon vor- handen ist und nicht erst durch Anregungen von seiten des Lehrers hervorgerufen zu werden braucht, da soll man mit Ver- gnügen dieses Gebiet betreten. Auch die verblaßten Erinnerungen von der Quarta her aus dem Bericht des Nepos Milt. VII. er- heischen eine Ergänzung. Ferner fordert der ganze Vorgang zur Aufstellung einer Nutzanwendung auf, ebenso zur Anstellung eines Vergleiches mit der Behandlung eines bekannten ähnlichen Falles bei Livius, was uns schließlich zur Erkenntnis der schriftstellerischen Eigenart des Herodot einerseits und des Livius andererseits führt.

Daß unser Held elend an einer in Brand übergegangenen Wungde sterben muß, die er sich auf Paros bei einem Sprung über eine Hecke geholt hat, bar jeder Lebensfreude, erfüllt von Verdruß über die Undankbarkeit seiner Mitbürger und den Haß seiner Gegner wer dächte nicht an Armin, den Befreier Germaniens!, das nimmt von vornherein das Mitgefühl des Schülers aufs stärkste in Anspruch. Das Wort Dunckers:«Eine Schmach für Athen» wird er bereitwillig anerkennen.

Auf der anderen Seite kann der Schüler hier lernen und muß bedenken, daß wir oft nicht gerecht handeln, wenn wir nur das Herz mit seinem menschlichen Rühren entscheiden, nicht aber auch den Verstand zum Wort kommen lassen. Der kalt berechnende

¹) Vgl. Creuzer, a. a. O., S. 157; ferner Paul Kleber, Die Rhetorik bei Hlerodot, Programm, Löwenberg i. Schl., 1889, S. 25 ff.; ebenso Paul Cauer, Die Kunst des Übersetzens, S. 55 und 64.

²) Vgl. Kohl, a. a. O., S. 53.