Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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Bemerkenswert ist ferner die Erscheinung, daß die Zahl und Ausdehnung der Episoden mit dem Fortschreiten des Werkes geringer wird. Zuletzt verschwinden die Einschaltungen vollständig. So lange eben das welthistorische Schauspiel noch in einer gewissen Ferne schwebt, überläßt Herodot den Griffel seiner Muse mit ver- schwenderischer Freigebigkeit jedwedem werkwürdigen Gegenstand der inneren und äußeren Menschenwelt, der zu seinem Hauptziel in irgend einer Beziehung steht. In den letzten drei Büchern wird dagegen jede größere Abschweifung vermieden, um alle Kraft und alles Interesse auf die Darstellung des Entscheidungskampfes zwischen Europa und Asien, zwischen Kultur und Barbarei, zwischen Knechtschaft und Freiheit zu richten.

Der Begriff der Episode selbst ist den Schülern übrigens aus der Lektüre der Odyssee schon bekannt. Die nahe Verwandtschaft Herodots mit Homer haben wir bereits mehrmals nach verschiedenen Richtungen hin feststellen können. Hier bietet sich eine neue Seite der Vergleichung dar. Fassen wir alles zusammen, so können fol- gende Berührungspunkcte angegeben werden: Die große Ahnlichkeit des Dialelcts, die Weichheit und der Wohlklang der dialektischen Formen, die wwundervolle Harmonie des Inhalts und der Form'), die Anmut und Lieblichkeit der Sprache(die Sprache Herodots kann eben, was Wort- gebrauch, Wendungen und Satzbildung anbelangt, ihre Herkunft aus dem mütterlichen Schoße der homerischen Poesie nicht ver- leugnen), die wohlthuende Sinnlichkeit und lebensvolle Anschaulichkeit im Ausdruck der Gedanken(ein Beispiel dafür I, 87: 0551 051 Av/⁷ I, 50rie öX,oy SStvn iéstat. Sy y 12 Th xA⁴⁵εαςα οn τεεναα Ʒαmιοοοε, t, i arepeg 1oc an), die gemütliche Ruhe und Breite der Erzählung, die kunstvolle Ein- webung von Episoden, die Einführung der Hauptpersonen in Reden, das Einflechten von Gesprächen, die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Ge- sinnung, der Glaube an Wunder, Zeichen und Orakel.

Was insbesondere die Ahnlichkeit im Satzbau anbelangt, so weisen wir auf die vielen bei Herodot vorkommenden Anakoluthien hin, mit denen er sich beinahe auf gleicher Stufe sprachlicher Entwicklung mit Homer befindet. Diese Entgleisungen tragen nicht wenig zum Reiz der Naivetät bei, der über der Herodotischen Sprache wie ein duftiger Schleier liegt. Der Hauptgrund dieses Hin- übergleitens aus einer Form in die andere liegt darin, daß es einen wirklichen Unterschied zwischen mündlicher Rede und Schriftsprache damals noch nicht gab. Und so wird eben die Praxis der mündlichen Außerung beibehalten. In der Seele des Redenden taucht urplötzlich eine andere, gleiche oder gar bessere, Fassung des Gedankens auf, deren

) Vgl. Friedrich Jabobs, Über einen Vorzug der griechischen Sprache in dem Gebrauch der Mundarten, in Akademische Reden und Abhandlungen?, I. Abteil., S. 395 ff.