Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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teilt er seinem Publilkum mit, wie der Natunforscher auch Mißbildungen der erzeugenden Natur vorführt, mag er sie in ihrer Entstehung erklären Können oder nicht.

Geht ihm aber eine Überlieferung durchaus gegen seinen ge- sunden Menschenverstand, oder liegt die innere Unwahrscheinlich- keit nach seiner Meinung klar zu Tag, dann giebt er in der ent- schiedensten Weise seinen persönlichen Standpunkt zu erkennen, wie hier in der Schuldfrage der Alkmäoniden(d,2o d HoOt A* 05 xοiοQι dAOX TObrODS 7s Avoòεεανι ασαα, Kap. 123). Handelt es sich um weniger wichtige Dinge, oder läßt der Gegenstand ver- schiedene Beurteilung zu, dann fügt er wenigstens mit einem be- scheidenen und nicht verletzen wollenden ςα G½εν S, d0résty» seine Auffassung und seine Einwände hinzu.

Immerhin läßt sich die Neigung Herodots nicht hinwegleugnen, einer seinen moralisierenden Ideen zusagenden Form der Erzühlung vor anderen, die er auch mitteilt, den Vorzug zu geben. Doch bei der dabei zu Tag tretenden Unbefangenheit können wir ihm nicht böse werden.

Der zweite 4bschnitt(Kap. 125 130 vgl. S. 35) ist eine methodische Einheit für sich. Er schildert die Werbung um Agariste, die schöne Fürstentochter Sikions. Es ist ein ganz eigenartiges, für die Lebensführung an griechischen Fürstenhöfen sehr bezeich- nendes Bild, das sich vor unseren Augen entrollt. Auch steht es in der Lektüre der Obersekunda nicht gerade allein da, insofern es sich in seinen Hauptzügen mit dem Leben und Treiben der Freier am Herrensitz des Odysseus auf Ithaka vergleichen läßt, zu dem es freilich in einer wichtigen Beziehung wieder im schärfsten Gegensatz steht. 8

Die höchst anmutige Erzählung ist aber nicht allein unter- haltend und belehrend im besten Sinne des Wortes, sondern sie hat auch einen hohen sittlichen und erziehenden Wert besonders für die reifere, ins Leben tretende Jugend. Man lasse am Schlusse der Lektüre eine Uberschrift aufstellen, die gerade die sittliche Seite

Munde der ägyptischen Araber schon jetzt eine ganz fabelhafte Gestalt er- halten haben, die zu dichten man hundert Jahre für nötig halten sollte, und solche Beispiele sind häufig. Beschäftigt ein Ereignis die Gemüter, so verändert es sich in der Erzählung unglaublich, man setzt Begeben- heiten um, vertauscht das Frühere und Spätere. Wir können uns von der Lebendigkeit und Beweglichkeit der Traditionen gar keinen Begriff machen, weil bei uns alles gleich niedergeschrieben wird. Wie leicht die erregte Menge in der Stunde der Gefahr Gespenster und Schreckbilder sieht, dafür führt Delbrück, a. a. O., S. 60 ff., aus der neueren und neuesten Kriegs- geschichte ergötzliche Beispiele an. Man lasse solche Dinge nicht uner- wähnt. Der Schüler ist zu leicht geneigt, sich den antiken Menschen in seinem Denken und Fühlen anders vorzustellen als den modernen. Und doch pleibt in dieser allgemein menschlichen Beziehung wahr, was Seume sagt: Die Menschen sind, was Menschen immer waren.