Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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zichten will, muß sie wohl unter einem ganz bestimmten Gesichts- punkct lesen.

Der erste Abschnitt, Kap. 121 124, enthält die Rechtfertigung der Allmäoniden und bietet Gelegenheit, Herodot in Offenbarung der wichtigsten und notwendigsten Eigenschaft eines Geschichtschreibers, nämlich der Wahrheitsliebe und außerdem in der Bethätigung seiner historischen Kritilc kennen zu lernen.

Man pflegt ja den Schülern zu Beginn der Herodotlektüre mit- zuteilen, daß Herodot der Vater der Geschichte» heißt und zwar hauptsächlich aus zwei Gründen. Einmal, weil er Geschichte und nicht Geschichten erzüählt und die Weltgeschichte an dem Faden des großen Waffenganges zwischen Griechen und Barbaren aufreiht; ferner, weil er, im Gegensatz zu den Logographen, der Überlieferung kritisch gegenübersteht. Diese Mitteilung an die Schüler hat aber nur dann Wert, wenn ihr Inhalt im einzelnen an Beispielen klar ge- macht wird. Die Auseinandersetzung über die angebliche Schuld der Alkmäoniden ist wenigstens in einer Beziehung eine passende Gelegenheit dazu.

Es handelt sich darum, daß die Alkmäoniden den Persern den Rat gegeben haben sollen, Athen zu überrumpeln. Mit einem Schilde hätten sie den Feinden das verabredete Zeichen gegeben (Kap. 115 und 123).

Man könnte sagen, wenn Herodot von der inneren Unglaub- würdigkeit, ja Albernheit dieser Beschuldigung felsenfest überzeugt war, so hätte er sie einfach unerwähnt lassen sollen. Das geht nun gegen die Grundsätze Herodots. Er verheimlicht nichts, was er gehört hat. Denn in erster Linie will er erzählen, nicht, was er für wahr hält, sondern was ihm zu Ohren gekommen ist, mag es nun nach seinem Wunsch und Geschmack sein oder nicht. Dieses Verfahren bezeichnet er ausdrücklich als seinen Grundsatz VII, 152: 6 5siXe XSSy Ne6Hey-, x*εο˙εα 7s y Ob ravraxdAt 5si ¹oo, z1 ot Toꝰro to Eros SIro e ävra 6ro. Ich muß sagen, was mir gesagt wurde, aber ich brauche nicht alles zu glauben, und dieses Wort soll mir für jede Erzühlung(in diesem Werke) gelten. Gerade darin zeigt sich seine Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe. Er hält es eben nicht vereinbar mit seiner Aufgabe als Geschicht- schreiber, von einmal Dagewesenem absichtlich keine Kenntnis zu nehmen, selbst wenn es sich um mibgebildete Auswüchse einer krankhaft erregten Volksphantasie handelt. ¹) Nein, jede Nachricht

¹) Sehr richtig bemerkt Niebuhr, Vortrüge über alte Geschichte, I, S. 386: «War vor Herodot über die Perserkriege nichts wesentliches Historisches geschrieben, so erwägen Sie einmal, welche Veränderungen die Tradition, die durch keine Schrift aufbewahrt war, in einem so langen Zeitraume er- leiden, wie viel Fabelhaftes in dieser Zeit hinzukommen konnte. Es ist bekannt, daß die Erzühlungen über den Zug Napoleons nach Agypten im

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