Aufsatz 
Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts : 1. Teil
Entstehung
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einer volkstümlichen UÜberlieferung, wie Herodot es war, nicht so ge- läufig waren, mag er sie in militärischen Kreisen auch öfters ge- hört haben. Bei der ganzen Geistesanlage eines Mannes wie Herodot muß man auf solche Dinge von vornherein verzichten. Daß Herodot den Charakter der Schlacht als einer Defensiv- Offensivschlacht nicht ausdrücklich hervorhebt, daran darf man also keinen Anstand nehmen.

Daß aber Herodot von der Reiterei nichts erwähnt, erklärt sich daraus, daß sie überhaupt nicht mehr zur Stelle war. Sie war wohl bereits wieder an Bord zur Weiterfahrt bestimmt. Die günstige Stellung der Griechen hatte die Perser dazu veranlaßt. Sie wollten an einer anderen Stelle landen. In der Ausführung dieses Vorhabens begriffen, wurden sie von Miltiades, der jetzt seine Defensivstellung aufgab, angegriffen. So oder ganz ähnlich muß man sich die Sache vorstellen. Dies ist bekanntlich die Ansicht von Curtius ¹), der Eschenburg?²) und Wecklein³) beitreten. Im übrigen behandelt die Schlacht auf dem Fenchelfeld in allen ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten sehr genau und scharfsinnig Delbrück ⁴¹), den wir zu vergleichen bitten.

Sollte also, wird der Schüler fragen, Herodot, die Hauptquelle für die Geschichte der Perserkriege, von Nepos nicht benutzt worden sein? Das wäre ja unverzeihlich. Darauf ist zu sagen, daß der jonische Dialelct des Herodot den Römern immer zu schaffen gemacht hat und daß sie deswegen das Studium eines späteren griechischen Schriftstellers, nämlich des Ephorus, vorzogen, der ebenfalls die Perserkriege erzählt und seiner Geschichte das Werk des Herodot als Hauptquelle zu Grunde gelegt hat. Ephorus hat schon wegen seiner freieren rhetorischen Darstellung dem Geschmacke der Römer mehr zugesagt. Ebenso führten die übersichtliche Anordnung des Stoffes und der den Römern geläufige attische Dialelct den römischen Gelehrten immer auf das Studium des Ephorus, nicht des Herodot.) Herodot war damals überhaupt kein Modeschriftsteller, nicht ein- mal bei den Griechen, geschweige denn bei den Römern.

Wenn nun außerdem erwähnt wird, daß die von Nepos ge- nannten Quellen gar nicht die von ihm am meisten benutzten sind, daß dagegen der stark herangezogene Ephorus nicht namhaft gemacht wird, so ist dies der sich von selbst ergebende Ausgangs-

¹) Erust Curtius, Griechische Geschichte, IIé, S. 24.

) Lschenburg, Topographische, archäol. und militärische Betrachtungen auf dem Schlachtfeld von Marathon.(Vortrag, gehalten am 4. Dezember 1886 in der archäol. Gesellschaft zu Berlin.)

³) A. a. O., S. 274 ff.

¹) Delbrück, Die Perserkriege und die Burgunderkriege. S. 52 ff.

³) Selbst Cicero wird schwerlich das Originalwerk gelesen haben. Vgl. Hermann Ball, Die Bekanntschaft röm. Schriftsteller mit Herodot. Progr. Berlin, 1890, S. 21.