und festzustellen. Gemeint ist der große Abstand der sprachlichen Darstellung in der gewöhnlichen enarratio von der Fassung einer Rede.
Wenn auch noch nicht viel, so ist doch genug gelesen, um eine Vorstellung von der herodotischen Form der Darstellung bekommen zu haben. Die gemütliche Art sich gehen zu lassen, welche die UÜbersicht nicht gerade erleichtert, wird dem begabteren Schüler schon längst aufgefallen sein. Wir ziehen einen wohlbe- kannten römischen Historiker zum Vergleich heran, nämlich Cäsar, und fragen, ob auch hier wie dort die Sätze in der bekannten Fügung der historischen Periode, festgeschlossen wie ein römisches Agmen, auftreten. Die richtige Antwort wird nicht ausbleiben. Wir gehen in der Betrachtung weiter, bis wir zum Begrih der an- gereihten Rede, Xeε&ιςα εiρονεoν(Aristot. Rhet. III, 9) gekommen sind, die dem Herodot so recht eigentümlich ist.
Mit dieser Errungenschaft betreten wir wieder das Kapitel der Rede des Miltiades und stellen einen Vergleich an zwischen den anderen Kapiteln und diesem. Dort 2wanglos aneinander gereihte Sätze von durchschnittlich größerem Umfang, untermischt mit zahlreichen Anako- luthien, die dem Schüler in der ersten Zeit das Verständnis, weil die Ubersicht, nicht wenig erschareren; hier auffallend kurze Sätze, die in ausgeprägtester Form auftreten und in schärfster Betonung den zahl- reichen Gedanlcen zum Ausdruch verhelfen. Man kennt seinen Schrift- steller gar nicht mehr, er ist ein ganz anderer geworden.
Den Grund dieser merkwürdigen Erscheinung zu finden, ist eine neue Aufgabe, die der Beobachtungsgabe und dem Betrachtungs- sinn der Schüler nunmehr gestellt wird.
Der Wesensunterschied zwischen Erzählung und Rede, um den es sich hier handelt, wird bald festgestellt sein. Dies ist der Aus- gangspunkt, der uns zum richtigen Weg führt, auf dem wir bald auch zur Erkenntnis der Verschiedenheit ihres Zweckes gelangen. Die Erzäühlung will vorher Unbekanntes mitteilen und weiter vermitteln; die Rede dagegen will überreden, gewinnen, erobern, fortreißen.
Um eine abweichende, gegnerische Meinung niederzukämpfen und um Stimmen zu gewinnen, dazu gehört eine ganz bewußte Pflege des Ausdrucks, eine sorgsame und nachdrückliche Geltend- machung möglichst zahlreicher, in scharfer Gliederung vorgebrachter Gründe, die in stürmischer Rücksichtslosigkeit Schlag auf Schlag über den Vertreter der Gegengründe niedergehen, bis sie dessen Stellung zum mindesten erschüttert, wenn nicht eingenommen haben.
Nebenher geht vielfach eine beiwußte Erregung der Afelcte. Wie gut sich Herodot auf dieses Mittel versteht ¹), zeigt uns ebenfalls
¹) Dies hebt hervor Sauser, Analyse einiger Herod. Reden(I, 32; III, 80— 82; V, 92; V, 106; VI, 86; VII, 8, 9, 10; VIII, 144; IX, 27). Progr. Salzburg, 1889, S. 15.


